Aufgebrochen am Donnerstagmorgen in Aurich legten wir die ersten Kilometer von Marens Eltern aus zu Fuß zurück. Mit Bus und Bahn ging es dann schließlich nach Leipzig zu Jan und seiner WG, um erst einmal weg zu sein.

Kennengelernt habe ich Jan vor vielen Jahren in Hannover bei meinem ersten Studium. Vereint hat uns damals sicherlich das Desinteresse an dem Studiengang, aber auch gemeinsame Interessen, wie z.B. lange Spaziergänge am Strand oder Spiegeleier zum Frühstück. In Leipzig konnten wir die ersten Tage in Jans und in der Nachbar-WG verbringen. Die Gastfreundschaft war dabei so süß wie die Erzeugnisse der ehemaligen Bonbonfabrik, die vorher im Gebäude ansässig war. Da unsere Krankenkasse allerdings bereits am 1. Februar abgelaufen war und wir ab sofort nur noch eine Auslandsversicherung besitzen, trieben wir die Vorbereitungen für unsere Weiterreise stetig voran, um vor dem ersten Hüfthusten nicht mehr in Deutschland zu sein.

Am Montagmorgen lautete das Tagesziel: Per Anhalter nach Prag. Eigentlich hatte Jan vor, uns mit dem Auto nur kurz zum Rasthof an die A4 zu fahren, von wo aus wir dann das Trampen starten wollten. Dieses endete aber darin, dass wir uns irgendwie plötzlich doch schon auf der Autobahn auf halber Strecke nach Dresden befanden. Da wir aber in Sachen Ehrlichkeit schon immer Ex-VW-Chef Martin Winterkorn als Vorbild hatten, drehten wir natürlich um und starteten bei null.

An der Tankstelle ausgesetzt dauerte es genau drei erfolglose Ansprechversuche, bis wir einen Wagen mit ungarischem Kennzeichen sahen. Dieser wollte gerade wegfahren, sah uns aber noch winken und antwortete auf unsere Frage ob er in Richtung Dresden fahre mit einem einladenden: „Kommst du!?“. Wir stiegen ein und legten die ersten Kilometer Richtung Prag mit Laszlo zurück. Laszlo war ein Glücksfall. Geboren in Ungarn wohnt er mittlerweile in Deutschland und ist arbeitstechnisch viel unterwegs. Wir nutzten die Strecke um unsere ungarischen Sprachkenntnisse für später aufzubessern („Danke“, „Bitte“, „Können Sie uns mitnehmen?“ und „Darf ich Mama zu dir sagen?“). Laszlow dagegen war froh, sein Deutsch mal wieder ausgiebig anwenden zu können. Gerne wären wir noch auf sein Angebot eingegangen, einen Kaffee mit ihm zu trinken, doch leider fehlte uns und ihm auch irgendwie die Zeit dazu. Zum Glück vergaß Maren in weiser Voraussicht ihre Mütze im Auto, so dass wir ihn auf dem Rückweg noch einmal besuchen werden.

An der Autobahnraststätte Dresdner Tor angekommen waren wir optimistisch, direkt den nächsten Treffer landen zu können, doch leider zog es sich ein wenig. Zwar waren eine Menge Autos vorhanden, doch irgendwie wollte uns keiner so recht einpacken. Dabei waren die Ausreden auf unsere Anfragen kreativ: „Ich fahre nach Polen“, „Mein Auto ist voll beladen“ (tatäschlich ergab ein Blick auf die Rückbank, dass dort eine BILD-Zeitung voll ausgebreitet lag), „Ich darf in meinem Dienstwagen keine Personen mitnehmen“ oder „Ich tausche streng geheime Informationen während der Fahrt am Telefon aus [sic!]“ (unser Versprechen dicht zu halten, half nicht).

Schließlich, nach fast einer Stunde in der Kälte, schaffte es Maren einen Bulgaren mit dänischem Kennzeichen zu überreden, uns in seinem kleinen Polo mitzunehmen. Ganz Gentleman bestand er darauf, dass sie vorne saß und ich hinten neben einem riesigen Grill auf der Rückbank Platz nehmen musste. Sunai sprach so gut wie kein Wort Deutsch und wir (noch) kein Bulgarisch. Deshalb versuchten wir mit Händen, Füßen und multilingualen Stichwörtern zu kommunizieren. Mit beachtlichem Erfolg. Nach 10 Minuten hatten wir ihn soweit, dass er uns nach Istanbul fahren würde mit Abstecher in Sofia bei seiner Familie. Außerdem wollte er uns dort den Wagen für 100€ überlassen. So hattes wir es zumindest verstanden.

Gedanklich schon am Bosporus tauchte vor uns im starken Nebel plötzlich ein Polizeifahrzeug auf und forderte von uns: „Bitte Folgen!“. Sunai schien sauer, da er die Strecke Dänemark – Istanbul seit 10 Jahren fahren würde und sowas noch nie passiert sei. Wir wägten die Optionen ab. Eine Flucht kam nicht in Frage. Zwar waren es nur noch knapp 5 km bis zur tschechischen Grenze, da wir aber mit 90km/h Spitzengeschwindigkeit so viel Chance bei einer Verfolgungsjagd gehabt hätten, wie Martin Schulz auf die Kanzlerschaft, gaben wir uns diese Blöße nicht. Wir gehorchten also und fuhren artig im Schlepptau die nächste Abfahrt herunter.

Die beiden Polizisten verlangten Pässe und Führerschein. Spannung lag in der Luft. Und tatsächlich ergab ein Blick eines der Streifenhörnchen auf Sunais Führerschein, dass dieser bereits seit knapp einem Jahr abgelaufen war. Die gespielte Überraschung bei Sunai war aus unserer Sicht durchaus oberes Schauspielniveau, doch der Polizist hatte kein Erbarmen. Als er anschließend kurz zu seinem Auto ging, drehte Sunai sich zu mir um und schlug per Handzeichen vor, wir könnten ja noch schnell die Plätze wechseln und sagen, ich sei gefahren. Eine schlechte Idee. Denn selbst wenn ich mich, eingeklemmt zwischen Fahrersitz und Grill, hätte befreien können und wir unbemerkt von der Polizei die Plätze hätten tauschen können, wären die optischen Differenzen doch aufgefallen, da ich ungefähr doppelt so groß, viermal so blass und zwölfmal so rothaarig wie Sunai war.

Die Pässe behielten die Polizisten und wir mussten ihnen weiter zur Polizeistation folgen. Dort warteten wir erst einmal in der Kälte, bis uns gesagt wurde, dass Sunai so nicht weiterfahren dürfe und drinnen auf die Landespolizei warten müsse. Maren und mir wurde mitgeteilt, dass wir berechtigt waren zu gehen. Allerdings hielt uns unsere Loyalität und natürlich auch die Hoffnung auf unsere erste Knastträne davon ab. Also wurden wir mit reingebeten und durften im Warmen auf Sunai warten.

In der Stunde darauf kam der freundliche Beamte mehrmals zu uns und hielt uns auf dem Laufenden. Wobei er jedes Mal unterstrich, dass wir frei sind und jederzeit gehen dürfen. Schließlich teilte er uns mit, dass Sunai nicht mehr fahren darf, 250 Schleifen bezahlen und der Wagen innerhalb von sieben Tagen abgeholt werden muss. Ich schlug vor, dass ich ja weiter fahren könnte. Für den Wachmeister war es in Ordnung, allerdings wollte er nicht wissen, was hinter der Grenze passieren wird. Die Fahrt konnte also weiter gehen. Auf dem Weg zum Auto überlegte ich, ob ich nun Sunai aus Rache nach hinten ins Auto setzen sollte, hatte aber Angst, dass er den Grill auf den Beifahrersitz stellen würde, um neben Maren sitzen bleiben zu können.

So ging die Fahrt mit mir am Steuer weiter. Kurz hinter der Grenze wechselten wir schließlich wieder die Plätze, tankten und fuhren weiter nach Prag. Sunai betonte nun, dankbar über unsere Loyalität bei der Polizei, dass er uns wirklich bis nach Istanbul bringen könnte. Es würde nur zwei Übernachtungen kosten. Aber wir schlugen das Angebot aus. Zum Einen, weil es uns doch zu schnell gegangen wäre und zum Anderen, weil wir uns nicht sicher waren ob es der Polo noch so weit schaffen würde. So beließen wir es beim Nummerntausch und dem Versprechen, ihn in Sofia und Istanbul zu kontaktieren und stiegen schließlich am Stadtrand von Prag aus.

Gedanke der Woche:

Jemand fährt seit 10 Jahren regelmäßig über 2.000 km von Sofia nach Dänemark um dort zu arbeiten. Auf einer seiner Fahrten wird er von deutschen Polizisten angehalten und muss 250 € Strafe zahlen, da sein Führerschein abgelaufen ist. Stimmt hier eventuell etwas nicht?