Nach den ersten Kilometern in Richtung Süd-Osten waren wir in Prag angekommen. Unsere Couchsurfanfragen waren leider zu spontan, so dass wir uns ein typisch tschechisches Hostel suchten. Hostel Marrakesh. Eine Art Bunker, der statt durch Tageslicht mit einem netten marokkanischen Hausmeister, sich einem laut übergebenden Mitbewohner und niedrigen Preisen zu überzeugen wusste. Prag selbst ist eine wirklich schöne und geschichtsträchtige Stadt, durch welche uns Scott auf seiner Stadttour führte und dazu die besten Wahrheiten und Halbwahrheiten erzählte. Nach zwei Tagen Prag war es aber auch schon genug für uns. Wir verließen das schöne Stadtzentrum und fuhren mit dem Bus durch die Plattenbauten der Vorstadt, welche endlich erste osteuropäische Klischees bestätigten. Es ging in Richtung Autobahnraststätte.

Hier stellte sich erneut Maren als Geheimwaffe heraus. Es dauerte keine 10 Minuten bis sie jemanden gefunden hatte, der uns nach Brno mitnehmen würde. Zwar sah man die Enttäuschung im Blick des Fahrers, als ich plötzlich auch noch neben ihr auftauchte, doch war es für einen Rückzug seinerseits zu spät. Wir setzten uns hinten ins Auto und spielten ihm und seiner Frau, da die beiden weniger Englisch als Günther Oettinger sprachen, ein paar tschechische Sprachnachrichten vor, die wir aufgenommen hatten. Die beiden nickten leicht irritiert und wiederholten unsicher einzelne Wörter. Nach einiger Zeit schien es dem Herrn aber doch zu viel zu werden und er gab uns seinen Reisepass nach hinten, welcher ihn als Georgier auswies. Seine Frau fügte schließlich hinzu, sie sei Ukrainerin. Durch viel Gestikulieren und unterschiedlichen Stichwörtern fanden wir heraus, dass die beiden auf dem Weg ins 4.000km entfernte Georgien waren. Sie konnten oder wollten uns leider nicht komplett mitnehmen, aber immerhin handelten wir sie bis Bratislava hoch. Begeistert von so viel Freundlichkeit bedankten und verabschiedeten wir uns ausgiebig und versprachen, bald nach Georgien nachzukommen.

Die slowakische Hauptstadt Bratislava war zwar deutlich kleiner als Prag, aber ihr Charme umso größer. Direkt waren uns die Menschen um uns herum durch ihr großes Interesse an uns sympathisch. Dieses Mal fanden wir sogar einen Couchsurfer, der uns aufnehmen wollte, allerdings sahen wir diese Zusage erst nachdem wir bereits eine Hostelübernachtung gezahlt hatten. Also vertrösteten wir uns und ihn auf die nächste Nacht. Am nächsten Tag gingen wir dann nach einer Tour durch Bratislava, welche auch die letzten Zweifel an der Schönheit der Stadt wegwischte, zu Boris, unserem ersten Couchsurfhost.

Ein absolut fantastischer Typ. Die slowakische Regel, seine Gäste wie Gott zu behandeln, bekamen wir bei ihm deutlich zu spüren. Seine Erzählungen von seinem unterschiedlichen Hitchhiketouren inspirierten uns und auch Pakistan wurde uns schmackhaft gemacht. Boris Empfehlung, einfach immer Ja zu sagen, um möglichst viel zu erleben, werden wir dabei im Hinterkopf behalten. Nachdem wir einmal die Minibar mit allerlei lokalen, aber auch selbstgebrannten Schnäpsen durchprobiert hatten, ging es auf Kneipen-Club-Bar-Diesdas-Tour durch die Stadt. Dabei wurde wieder einmal deutlich: Queen vereinigt alle Nationalitäten.

Am nächsten Morgen waren wir etwas kaputt. Aufgrund des Schlafmangels selbstverständlich. Daher kamen wir erst spät nachmittags los zum Trampen. Boris brachte uns zum Glück zu einem Rasthof, wodurch uns ein Querfeldein-Wald-und-Wiesenlauf und ein zusätzlicher Zeitverlust erspart blieben. Keine drei Anfragen und Marens unwiderstehlichen Charme später hatten wir einen Lift nach Budapest (Ich bekomme langsam das Gefühl, dass keiner Maren stehen lassen würde, sondern eher die Route ändert, so dass er sie auf jeden Fall mitnehmen kann). Zwei Moldauer auf dem Weg nach Hause packten uns in ihren Benz. Scheinbar steigt hier in Osteuropa keiner unter 1.000km ins Auto. Auch hier war die Freundlichkeit mal wieder nicht zu übertreffen, da uns die beiden bis ins Stadtzentrum fuhren, obwohl sie besser einen Bogen um die Stadt hätten machen können. Da wir trotz aller Spontanität der Weiterreise kurzfristig einen weiteren Couchsurfhost fanden, hatten wir direkt eine Unterkunft. Joe nahm uns für ein paar Tage auf.

Joe selbst ist Kanadier, hat allerdings ungarische Wurzeln. Ursprünglich für eine Woche nach Budapest gekommen, wohnt und lebt er mittlerweile seit mehr als 6 Jahren hier. Unbeeindruckt von unseren Katern des Vortages führte er uns direkt in einen Budapester Untergrund Ruinenclub, wo wir an den Vortag anknüpften. Allerdings dieses Mal nur tanz- und nicht alkoholtechnisch. Sonntag gab es dann eine private Stadtführung von Joe. Die Stadt selbst teilt sich, getrennt von der Donau, in einen reichen (Buda) und einen lebhaften (Pest) Teil, der natürlich auch unserer war, auf. Wir wohnten im jüdischen Viertel, welches nicht nur die größte Synagoge Europas beherbergt, sondern dazu das Epizentrum des Nachtlebens.

Beim Rundgang fallen einem für die äußere Schönheit der Stadt noch mehr Superlative ein als für Steffi Graf. Dabei wird ebenfalls die nie glattlaufende Geschichte Ungarns deutlich. Neben einer Statue von Ronald Reagan und der eines amerikanischen Generals, steht ein Denkmal für die Befreiuung (und Besatzung) durch die UdSSR. Hinzu kommen Abbilder von ungarischen Revolutionären aus dem 19. Jahrhundert und ein umstrittenes Denkmal, welches an die Besatzung Ungarns durch Nazi-Deutschland erinnern soll. Vervollständigt wird das Gesamtbild für die komplette Verwirrung schließlich vom Michael Jackson Memorial Tree. Das aktuell durch Seehofers guten Freund Viktor immer noch Geschichte geschrieben wird, ist bekannt. Auch der krasse Kontrast zwischen Arm und Reich wird beim Anblick der vielen Obdachlosen, die das Stadbild Budapests prägen, deutlich.

Nach zwei Nächten bei Joe verstehen wir, dass aus ein paar Tagen in dieser Stadt schnell mehrere Jahre werden können und wir verlängern ebenfalls bei ihm, bevor es weiter Richtung Süd-Osten geht. Unsere ersten Couchsurf-Erfahrungen sind durchweg positiv. Dieses Netzwerk scheint so voller selbstloser Nächstenliebe zu sein, dass es von Jesus Christoph selbst initiiert sein könnte.

Alles in allem geht es uns gut. Nur bei Maren machen sich nun die ersten Auswirkungen der Reisestrapazen bemerkbar. Sie liegt angeschlagen mit einer Erkältung auf Joes Couch. Ich hab unterdessen versucht, alleine weiter zu trampen: Keine Chance…

Gedanke der Woche:

Warum lernen wir in der Schule Sprachen wie Englisch, Spanisch oder Französisch und nicht Russisch, Arabisch oder Chinesisch?