Nach einem Ruhetag zum Gesund werden folgte zum Abschluss in Budapest ein Besuch im berühmten Széchenyi-Heilbad, um unter freiem Himmel bei 6 Grad Außentemperatur im 40°C warmen Wasser die Akkus baumeln zu lassen. Die Heilung des Bades setzte schneller ein als der Untergang zu Guttenbergs nach dem Plagiatsvorwurf. So waren wir am nächsten Tag wieder fit, um weiter zu trampen. Unser Tagesziel war dieses Mal Pécs. Eine kleine Stadt im Süden Ungarns, welche ungefähr die Größe Oldenburgs besitzt und unser Heimweh lindern sollte.

Maren vor dem Budapester Parlament

Am Stadtrand von Budapest stellten wir uns wie gewohnt an eine Tankstelle, brauchten dieses Mal allerdings in der Kälte etwas länger um den ersten Fahrer zu erwischen. Sultan war beruflich auf dem Weg nach Paks, was auf halber Strecke nach Pécs liegt und war bereit, uns mitzunehmen. Unterwegs machte er schnell deutlich, was für ein tolles Land Ungarn unter Viktor Orbán sei. 80% der Bevölkerung würden hinter ihm stehen. Neben dem Umstand, dass nahezu Vollbeschäftigung herrsche, hätte Orbán auch die Flüchtlingswelle durch einen Grenzzaun zu Kroatien und einer Mauer mit 10.000 Soldaten zu Serbien abgehalten. Meine Aussage, dass die deutsche Geschichte gezeigt habe, dass Mauern keine Lösung seien, zog ich schnell zurück, als ich merkte, dass er anfing unruhig zu werden. Mitten auf der Autobahn wäre es schwer gewesen, weiter vorwärts zu kommen.

Sultan packt uns ein

Ausgesetzt an der nächsten Raststätte gerieten wir um ein Haar an ein als Zivilfahrzeug getarntes Taxi, fanden dann aber Lubosz, der uns mitnehmen wollte. In seinem Mercedes ging es mit durchschnittlich 200km/h auf dem Mittelstreifen nach Pécs. Er unterschied sich von Sultan in seiner Einstellung so sehr wie Pietro von Sarah. Bereits in 66 Ländern unterwegs gewesen, sah er es als Pflicht an, eines jeden der sich Vorurteile gegenüber fremden Ländern erlaube, sich selbst ein Bild zu machen. Sein Lieblingsland war Indien, in dem er drei Jahre gelebt hatte und nun veganes Essen von dort importiert und über einen Online-Shop in vielen Ländern Europas anbietet (bald auch in Deutschland unter http://www.issjetzt.de).

In Pécs angekommen fuhr uns Labosz gentlemanlike ins Zentrum, wo wir dann unseren nächsten Couchsurfhost Mathis trafen. Mathis ist Deutscher, lebt aber seit fast vier Jahren in Ungarn und studiert hier Medizin. Als Gastgeber war er ein absoluter Traum. Obwohl er bereits als TV-Star u.a. durch Auftritte in der Pseudo-Doku „Hilf mir doch!“ über die Landesgrenzen hinaus bekannt ist, ließ er keine Starallüren aufkommen. So hatten wir eine wirklich gute Zeit bei und vor Allem mit ihm.

Maren mit TV-Star Mathis auf Pécs Fernsehturm

Nach zwei Nächten in Pécs musste Mathis uns leider rauswerfen, da er nach Deutschland flog, um seine Familie zu besuchen. Das war uns trotz der schönen Zeit ganz recht, da wir uns auf den Weg nach Sarajevo machen wollten. Da die Strecke zwischen Pécs und Sarajevo aus zwei Grenzübergängen und nur zu einem sehr kleinen Teil aus Autobahnen besteht, ahnten wir Probleme und starteten daher schon früh morgens. So ging es klassisch mit dem Bus raus aus dem Stadtzentrum zu einer Tankstelle.

Dort wurden wir direkt vom Tankwart reingebeten, uns doch hineinzusetzen, da es kalt war. Er hatte zwar Recht, aber drinnen konnten wir nicht wirklich jemanden fragen, ob er uns mitnehmen würde. Aber gut. Der Trick bestand schließlich darin, immer ja zu sagen. Also setzten wir uns hinein und gingen abwechselnd wieder hinaus, um jemanden zu fragen. Da wir aber große Probleme hatten, ohne Gepäck und allein draußen unser Anliegen klar zu machen, entschlossen wir uns, doch wieder hinaus zu ziehen. In dem Moment wo wir aufstanden, sprach uns dann aber ein Mann vom Nachbartisch an und sagte, wir sollen noch 15 Minuten warten, dann würde er uns schon mitnehmen. Da lässt er uns also einfach die ganze Zeit zappeln.

Kurze Zeit später saßen wir bei Officer John im Auto, welcher auf dem Weg zur ungarisch-kroatischen Grenze war. John hieß eigentlich Janosz, dachte aber, es wäre leichter für Ausländer ihn John zu nennen. Wir erzählten ihm von dem bekannten deutschen Kinderbuchautoren und nun wird er bestimmt nie wieder seinen richtigen Namen leugnen. Da er Polizist war, zeigte er uns auf dem Weg zur Grenze die (von Sultan gelobten) Zäune, welche gegen die Flüchtlinge aufgebaut waren und erklärte, dass hier durchgängig Polizei patrouillieren würde. Ein beklemmender Anblick, vor allem im starken Nebel. Kurz vor der Grenze setzte er uns dann ab und wir liefen zum LKW-Strich.

Zwischen Stacheldrahtzaun und LKW-Strich

Der LKW-Strich war eine lange Aneinanderreihung von Trucks, die etwa 1km von der eigentlichen Grenze enfernt vor einer Schranke entstand. Von hier aus wurden die Lastwagen, Truck für Truck, zur Grenze gerufen und dort dann kontrolliert. Eine perfekte Situation für uns, da wir hier ungeachtet von der Polizei von Wagen zu Wagen laufen und nach einem Lift fragen konnten. Da bei uns durch das Klopfen an den Fenstern und dem Anquatschen ein Gefühl entstand wie auf der Roten Meile, tauften wir ihn LKW-Strich.

Es dauerte eine ganze Weile, da der Großteil nach Serbien fuhr, aber schließlich hatten wir jemanden, der uns mit nach Doboj nehmen würde. Allerdings sagte er uns, dass er uns erst hinter der Grenze einsteigen lassen könne. Wir vertrauten ihm also und liefen den Kilometer zur Grenze, stellten uns unter interessierten Blicken in die Autoschlange und passierten. Direkt hinter der Grenze sagte uns ein Polizist, dass wir noch ein wenig weiter laufen sollten, da per Anhalter fahren so dicht am Grenzübergang aufgrund der Kameras nicht erlaubt sei. Da er der zweite nette Polizist des Tages war und ich dieses vorher für so unwahrscheinlich hielt wie eine Tagesschau ohne Wetterbericht, vergaß ich meine Punkerwurzeln und dachte innerlich „Not All Cops Are Bastards“ (N.A.C.A.B.).

Nach fast drei Stunden Warten in der Kälte passierte dann schließlich auch unsere Mitfahrgelegenheit die Grenze nach Kroatien. Und tatsächlich hielt er für uns an. Wir lernten Hasan aus Bosnien kennen, welcher von einer Sodalieferung nach Deutschland auf dem Weg zurück nach Hause und ein absolut liebenswerter Mann war. Er hatte vor über 30 Jahren deutsch in der Schule gelernt und konnte sich gut mit uns verständigen. Allerdings gab es ein Problem, wie er direkt sagte. Sein Chef hatte angerufen und eventuell müsse er noch in eine andere, ganz woanders liegende, Stadt fahren. Als der Anruf des Chefs kam, war die Anspannung für einen kurzen Moment so groß wie vor der Aussage Bill Clintons 1998 vor Gericht. Doch Hasan reckte den Daumen nach oben, legte auf und gemeinsam skandierten wir minutenlang Sprechchöre für unser Fahrtziel und seine Heimat Doboj.

Trucker Hasan

Am Grenzübergang nach Bosnien-Herzegowina hielt Hasan dann erneut in der Reihe von Lastwagen. Wir stiegen aus und stellten uns wie gewohnt in die Autoschlange. Nach der Ausreise aus Kroatien ging es zu Fuß über eine Brücke und schließlich in die nächste Autoschlange zur Einreise nach Bosnien-Herzegowina. Da wir eine zweite lange Wartezeit vorausahnten, holten wir unser „Sarajevo“-Schild heraus und hielten es den Fahrzeugen entgegen, die die Grenze überquerten. Doch keiner konnte uns mitnehmen, was uns wiederum auch irgendwie freute, als Hasan nach einer knappen Stunde auftauchte und uns erneut einlud.

Grenzübergang zwischen Kroatien und Bosnien-Herzegowina

Die ersten Kilometer außerhalb der EU durch Bosnien fahrend erschien uns zum ersten Mal alles um uns herum ganz anders. Nicht nur die Umgebung, sondern auch der Geruch veränderte sich in den Dörfern, die wir passierten. Aber aufgrund von Hasan liebten wir dieses Land sowieso schon. Wir lernten noch ein paar Vokabeln auf Bosnisch („Hallo“, „Danke“, „gut“ und „Autobahn“) und stiegen dann in Doboj aus. Dort fragten wir verschiedene Personen, ob sie uns mit in Richtung Sarajevo nehmen könnten. Neu war dabei, dass mich jeder mit einem Handschlag begrüßte. Nach ein paar glücklosen Anfragen hielten wir erneut unser Schild kurz vor einer Ampel hoch.

Schließlich hielt ein älterer Mann, sagte, dass er die Hälfte der Strecke fahren würde und packte uns ein. Unterwegs ergab sich, dass auch er deutsch sprach. Da es bereits dunkel war und Mujo erzählte, dass er den ganzen Tag im Auto saß und keinen, wie sonst gewöhnlich dreistündigen Mittagsschlaf hatte, machte ich mir Sorgen. Hinzu kamen Mujos Schnarchgeräusche, die mich immer wieder hochschrecken ließen, aber scheinbar ganz gewöhnlich waren, es sei denn er schläft mit offenen Augen. Ich verstrickte ihn also in viele Gespräche und wir erreichten unser Ziel, ob schlafwandelnd seinerseits weiß ich nicht, unbeschadet.

Die letzten 70km lagen vor uns und unser Optimismus war immer noch groß. Schließlich sprach Maren Kemo an, der zwar nach Sarajevo fuhr, allerdings nur einen Platz neben sich in seinem Caddy frei hatte. Irgendwie schien ihn die Sache aber nicht loszulassen, so dass er, als er fertig war mit dem Tanken, zu uns kam, den Wagen rechts ranfuhr und nach einer Lösung suchte. Schließlich räumten wir die in Kartons verpackten Waschtrommeln aus dem hinteren Laderaum des Wagen, packten sie aus und bauten mir einen Sitz aus Kartons zwischen den Trommeln. Ich hatte keinerlei Beinfreiheit und meinen Kopf zwischen den Knien, aber immerhin fuhren wir nach Sarajevo. Obwohl er alles ermöglicht hatte, entschuldigte sich Kemo in einer Tour bei mir für die Sitzgelegenheit.

Auf der Fahrt merkte man Kemo an, dass er sehr besorgt war um sein Land und auch um uns. Er sprach von der Unzufriedenheit im Land und der großen Korruption. Auf meine Frage, warum er eine GoPro in der Windschutzscheibe habe, erzählte er, dass ihn häufiger Polizisten ohne Grund anhalten würden und aus fadenscheinigen Gründen Geld verlangten. Daraufhin würde er diesen sagen, sie sollen kurz in die Kamera schauen und lächeln. Das würde sie verjagen. In Sarajevo angekommen zeigte uns Kemo vom Krieg zerstörte Häuser, die Brücke, auf der der Krieg begann und ein Gebäude des CIAs, welches man daran erkennen würde, dass immer nur das Licht von Schreibtischlampen im Dunkeln zu sehen war. Ob er nachts eine Aluhaube trägt, wagte ich nicht zu fragen.

Deutlich sichtbar wurde direkt die bosnische Gastfreundschaft. Bis vor das Haus fuhr uns Kemo und wartete so lange, bis unser Couchsurfhost Ula uns abgeholt hatte. Außerdem gab er uns seine Karte und schlug er vor, dass wir die Tage in die Berge zum Skifahren gehen sollten. So beendeten wir nach 13 Stunden die Schwierigste der bisherigen Etappen. Am nächsten Tag wurde ich dann schließlich krank, so dass ich zwei Tage im Bett lag, weshalb wir insgesamt etwas länger bei unserer wunderbaren Gastgeberin Ula blieben.

Unser Couchsurfhost Ula

Nach vier Tagen Sarajevo haben wir folgende Beobachtungen gemacht:

  • Die Stadt ist nach wie vor vom Krieg gezeichnet. Viele Häuser sind übersät von Einschusslöchern, einige noch komplett zerstört. Doch auch vieles wurde wieder aufgebaut. So stehen Baracken neben modernen Hochhäusern.
  • Bei vielen Menschen ist noch immer und überall der Krieg vorherrschendes Thema. Kein Wunder bei knapp 100.000 Todesopfern und den bis heute andauernden negativen Folgen.
  • Die Armut ist groß. So groß, dass sich nicht wenige den Kommunismus unter Tito zurück wünschen.
  • Vielfalt scheint hier zu funktionieren: So leben Muslime, Orthodoxe und Katholiken in Sarajevo zusammen. Ohne das einer den anderen unterwandert oder das Abendland in Gefahr ist.
  • Bezahlt wird in (Konvertible) Mark. Da sie im Verhältnis 1:1 an die DM gekoppelt war, fühlt es sich wie früher zu DM-Zeiten an.
  • Partytag ist hier der Montag, wodurch man sich endlich wieder freuen kann auf den Wochenbeginn. #TGIM

Da wir aus Trampersicht hier in Sarajevo so verloren sind wie Tom Starke beim FC Bayern, müssen wir uns nun überlegen, wie wir hier am Besten wieder heraus kommen. Wir sehnen uns nach wärmeren Regionen, werden aber vorher noch einen Abstecher nach Belgrad machen, was uns häufig empfohlen wurde.

P.S.: Fünf Mal am Tag wird in Sarajevo von den unzähligen Minaretten der Stadt zum Gebet aufgerufen, wie man auf der Sounddatei hört.