Da wir uns in Sarajevo so weit ab vom Schuss fühlten, dass uns eine Champions League Qualifikation des HSV wahrscheinlicher erschien als ein gelingendes Trampen, versuchten wir einen Bus zur Weiterreise nach Serbien zu organisieren. Ula gab ihr Bestes für uns, aber leider waren alle Verbindungen ausgebucht. Das nahmen wir als höheres Zeichen und machten uns dann doch auf den Weg, um wieder unseren Daumen heraus zu strecken. Am ersten Spot angekommen, sahen wir zum ersten Mal einen weiteren Tramper. Ein älterer Herr, der bereits angehalten hatte und abwartend neben uns stand, ließ uns schließlich alle drei einsteigen.

Unser Tramperkollege Michi ist gebürtiger Bosnier, während des Krieges allerdings für drei Jahre in Deutschland gewesen und anschließend mit seiner Familie nach Chicago gezogen. Als Michi uns vom Krieg und den Folgen erzählt, ist er den Tränen nahe. Er ist für ein paar Tage in Bosnien zu Besuch, da seine Mutter verstorben ist und sie immer den Wunsch hatte, in Sarajevo zu sterben und begraben zu werden. Für den ersten Wunsch war es leider zu spät, also organisierte Michi nun die Beerdigung in der Heimat. Unterwegs sahen wir viele weitere Tramper, was hier so üblich ist um kleine Strecken zwischen den Dörfern zurück zu legen.

Nach 70km Fahrt und nicht mehr weit entfernt von Serbiens Grenze war Schluss für uns, da unser Fahrer und Michi in eine andere Richtung weiter mussten. Da es kaum Autobahnen in Bosnien und Serbien gibt, standen wir an einer kleinen Landstraße, umgeben von der wunderschönen Landschaft des Balkans. Wären nicht weitere Tramper an diesem Ort gewesen, wäre unsere Motivation sicher auf einem Tiefpunkt gelandet. So zeigten wir stattdessen die bekannten deutschen Tugenden Ordnung und Geduld und stellten uns artig in die Reihe von Trampern, bis wir dran waren.

Trampen am Balkan

Es dauerte nicht lange bis das nächste Auto uns der Grenze um weitere 20km näher brachte. Zum ersten Mal hatten wir dabei keinerlei sprachliche Grundlage, um mit dem netten Herrn kommunzieren zu können. Doch das hielt ihn nicht davon ab, in Serbisch auf mich einzureden. Da wir mittlerweile die Abfolge der Fragen kennen, antwortete ich zielsicher nach der Reihe auf die gestellten Fragen mit „Germany“, „Teachers“, „Sarajevo“ und „Belgrad“. Da seine Neugier nicht befriedigt schien, quittierte ich nachfolgende Fragen mit einem „Ja“. Löste dies einen irritierten Blick beim Gegenüber aus, begann ich unverzüglich den Kopf zu schütteln. Da er uns gut gelaunt mit einem Handschlag absetzte, gehe ich von einem gelungen Gespräch aus.

Die letzten Kilometer zur und über die Grenze nahm uns dann ein serbisches Pärchen mit, welches gerade im Urlaub war. Anschließend stiegen wir aber direkt aus, um eine neue Mitfahrgelgenheit zu finden, welche uns mehr als 20km mitnehmen würde, da unsere Reisegeschwindigkeit bisher eher dem des Papamobils entsprach.

Grenzübergang zu Serbien

Schließlich hielt Ivan für uns an und sagte, er könne uns bis zur Autobahn mitnehmen. Ivan wohnt im Osten Serbiens und war beruflich in Sarajevo. Als wir von unseren Erfahrungen in Bosnien berichteten, fing er ohne große Umschweife an davon zu erzählen, wie sehr Serbien das Opfer des Jugoslawienkriegs wäre. Sie würden immer nur als Teufel dargestellt und wären Opfer der Pro-Bosnien-Propaganda. Außerdem war auch er, wie die meisten Bosnier, der Ansicht, dass jetzt alles schlechter als vor dem Krieg war und es unter Tito deutlich besser lief. Da es insgesamt eine sehr nette Fahrt war, fuhren wir gemeinsam mit Ivan quer durch das Land, bis wir schließlich im Dunkeln die Autobahn Richtung Belgrad erreichten.

Dort stellten wir uns mit unserem auf kyrillisch geschriebenen Belgrad-Schild an eine Mautstation und warteten geduldig in der Kälte. Es dauerte etwas länger, bis uns schließlich Trucker Alexander zusteigen ließ. Er schien sehr dankbar für unsere offenen Ohren und hielt die gesamten zwei Stunden einen Monolog vom Krieg, der Schuld von Big Uncle Sam, dem niedrigen Durchschnittseinkommen (300-400€ im Monat), seiner Familie und der netten deutschen Polizei. Da er nicht in die Stadt hineinfahren durfte, ließ er uns 10km entfernt an einer Mautstation heraus, wo wir aber kurze Zeit später von Pejay aufgesammelt wurden, der uns ins Zentrum fuhr.

So landeten wir wider Erwarten auf einem riesigen Umweg schließlich doch noch in Belgrad. Da wir nach den vielen Couchsurferlebnissen ein wenig abschalten wollten, suchten wir uns ein Hostel in der Stadt. Das El Diablo. Chef und Dragqueen Dragan empfing uns gebührend, hatte sogar noch Abendbrot für uns und unterhielt uns mit allerlei Wahrheiten und Lügen seines Lebens. Ein Vorgeschmack auf die nächsten Tage, in der sich Dragan noch stärker als Cathy Fischer Serbiens erwies.

Die nächsten Tage erlebten wir dann den wärmsten Tag mit 17°C (kurze Hose, Holzgewehr) und tags drauf zum ersten Mal Regen seit drei Wochen. Insgesamt ist Belgrad ein interessantes Pflaster, das im Zentrum sehr westeuropäisch und modern erscheint. Allerdings erzählen die Einheimischen, dass dieser Schein trügt. Belgrad spiegelt nicht den Rest des Landes wieder. Es herrschen genau wie in Bosnien scheinbar Korruption und Armut. Im Stadtzentrum fließen Donau und Save zusammen und sorgen für viele schöne Plätze am Wasser.

Skyline von Belgrad

Mehr als 20.000 Muslime wohnen in Belgrad, für die es momentan nur eine (eher kleine) Moschee gibt. Eine weitere Moschee soll gebaut werden, allerdings möchte die orthodox geprägte Stadt diese nicht zu groß und an keinem zentralen Punkt bauen lassen.

Freitagsgebet in Belgrads einziger Moschee

Wie in bisher jedem Land wurden uns auch in Belgrad von allen Seiten Schnaps und Gerichte, welche zu 90% aus Fleisch bestehen, als landestypische Spezialität und „unbedingt essen“ angepriesen. Außerdem fanden wir Begleitung durch Straßenköter Bobby, welcher uns den nötigen Schutz lieferte.

Unser treuer belgrader Stadthund Bobby

Nach drei Nächten im El Diablo wollten wir eigentlich länger bleiben, meldeten dies allerdings zu spät bei Dragan an, der uns deshalb leider rauswerfen musste. Aus Angst davor, dass unsere Trampglückssträhne reißen könnte, wollten wir dieses Mal mit dem Zug weiter. Doch seit Beginn der Flüchtlingsbewegung fährt kein Zug mehr aus Serbien heraus oder herein. Erneut ein höheres Zeichen. Also ging es doch spontan zur Raststätte. Dieses Mal ohne einen Plan, damit wir auf keinen Fall enttäuscht werden konnten.

An der Tanke angekommen, waren nach wenigen Minuten zwei Kosovaren bereit, uns mitzunehmen. Arton und Vischas befanden sich von Zürich aus auf dem Weg nach Pristina, um ihre Familie zu besuchen. Sie sagten uns, dass wir gerne in den Kosovo mitkommen könnten, aber wir entschieden uns dazu, kurz vor Nîs auszusteigen, um dieses Mal auf Kurs Richtung Süd-Osten zu bleiben. Am nächsten Rasthof fragten wir direkt einen älteren Herrn, ob er uns ein Stück mitnehmen würde. Er sagte, bis zur Grenze nach Bulgarien sei es in Ordnung, aber dann müssten wir laufen, weil er uns nicht kennen würde und keine Probleme bekommen wollte. Da die Tankstelle so belebt aussah wie ein Bingoabend im Altersheim Castrop-Rauxel, stiegen wir bei ihm ein.

Unser Fahrer hieß Geórgios Theódoros, nannte sich aber George und war Grieche. Da wir Griechenland sowieso in näherer Zukunft erreichen wollten, versuchten wir ihn auf unsere Seite zu bekommen. Etwas, was sich widerrum als sehr leicht herausstellte. Als wir ihm erzählten, dass wir Deutsche sind, brauchte er genau sechs Sekunden, um Angela Merkel als Tochter Hitlers und Schäuble als Teufel persönlich zu bezeichnen. So krass hätte selbst ich es zwar nicht gesagt, aber ich zeigte Verständnis für seine Worte, kritisierte kurz die Austeritätspolitik der EU und schon waren wir auf Linie.

Hinzu kam, dass George in seinem Auto ein Mixtape hörte, welches den Papst unter den Katholiken darstellte. Immer wieder fragte er uns ab, ob wir bestimmte Künstler kennen und einzig bei Gina Tarner brauchten wir etwas, um zu erkennen, dass er Tina Turner meinte. So hatten wir eine Menge Spaß zusammen und nach einiger Zeit verwunderte es uns auch nicht mehr, dass dieser junggebliebene 63-jährige mit einer 19 Jahre jüngeren Frau fünf Söhne hatte. Es harmonierte so wunderbar zwischen uns, dass sehr bald schon gar nicht mehr über die Grenze Bulgariens gesprochen wurde. Wir passierten sie einfach und fuhren gemeinsam Richtung Sofia. In Bulgarien lud George uns dann zu allem Überfluss noch zum Abendessen ein, bevor wir anschließend in Richtung Griechenland fuhren.

An der Grenze von Bulgarien und Griechenland angelangt, ließ er uns dann aber doch vorsichtshalber aussteigen, da er sich nicht sicher war, ob es Probleme geben könnte mit den griechischen Grenzbeamten. Wir liefen also (ohne kontrolliert zu werden) aus Bulgarien heraus und checkten in Griechenland ein. George, der uns versprochen hatte zu warten, fanden wir aber leider auf der griechischen Seite nicht wieder. Nach einer halben Stunde ohne Sucherfolg gaben wir innerlich schon auf, als er plötzlich doch noch vor uns auftauchte. Er entschuldigte sich, da er verwirrt war, an der bulgarischen Grenze nicht kontrolliert worden zu sein und er deshalb ausversehen schon bis zur Mautstation gefahren war. Da er uns aber nicht aufgeben wollte, fuhr er letztlich mehrmals hin und zurück, bis er uns gefunden hatte und bezahlte dadurch drei Mal die Maut. Was ist das für 1 Typ? Vong Nettigkeit her…

Zwei Stunden später kamen wir schließlich nach unserem neuen Tramprekord von 700km spät abends in Thessaloniki an. George war zu dieser Zeit bereits seit über 34 Stunden am Steuer, mit einzig vier Stunden Schlaf an einer Raststätte. Meine Angebote, dass ich das Steuer übernehmen könnte, schlug er mehrfach aus. Scheinbar hielt ihn seine E-Zigarette wach, da er kaum einen Atemzug nahm ohne gleichzeitig an dieser zu ziehen. Zu allem Überfluss fuhr uns George am Ende noch ins Zentrum von Thessaloniki, wünschte uns viel Erfolg für unsere weitere Reise und machte sich dann auf die restlichen fünf Stunden Fahrt nach Athen.

Frühstück über Thessaloniki

In Thessaloniki angekommen hatten wir keine Idee wo wir schlafen sollten, da wir nicht damit gerechnet hatten, so schnell hierher zu gelangen. Da es bereits spät war, suchten wir uns eine in vielfacher Weise billige Unterkunft und verschoben alles Weitere auf den nächsten Tag. Den Sonntag begannen wir dann in einer englischsprachigen Hillsong-Kirche, in welcher wir uns anschließend ein paar Empfehlungen (Welchen Schnaps und welches Fleischgericht muss man hier unbedingt probieren?) geben ließen.

Am Montag ging es schließlich hoch her, da Clean Monday war. Ein Feiertag, der in Griechenland das Fasten einläutet. So wurde bei schönstem Wetter draußen zu Live-Musik getanzt, dabei umsonst warme Mahlzeiten mit Bohnen als Fleischersatz verteilt, All-You-Can-Drink Weißwein ausgeschenkt und Drachen in den Parks steigen gelassen. Warum das alles? Keine Ahnung. Wir vermuten, weil es Spaß macht. So erlebten wir Thessaloniki als absolut sympathische Stadt, die so ideal am Mittelmeer gelegen Potenzial zu mehr hat. Aber offensichtlich haben die Menschen hier ganz andere Probleme.

Drachensteigen am Clean Monday

Nach drei Nächten in Thessaloniki reicht es uns nun endgültig mit den Städten und wir werden jetzt versuchen, uns an einen ruhigeren Ort abzusetzen, bevor es mit und in Istanbul vermutlich die volle Dröhnung Großstadt gibt.

Zum Schluss eine kurze Videoanleitung, was man beim Trampen beachten sollte: