Nach den vielen Städten wird es Zeit für uns, Urlaub vom Urlaub zu machen. In unserem Hostel wird uns die Insel Samothrakí ganz im Osten des Landes empfohlen. Jeder, dem wir daraufhin von dieser Idee erzählen, ist begeistert und liebt diese kleine Insel. Es soll nur einen einzigen Haken an der Sache geben: die Bewohner sind scheinbar verrückt. Aufgrund meiner Erfahrungen, die ich an verschiedenen Förderschulen sammeln durfte und Marens Erfahrungen mit mir, glauben wir, dass uns nichts mehr schocken kann. Also machen wir uns auf den Weg.

Nach unserer unterhaltsamen Fahrt mit George nach Thessaloniki sind wir sehr optimistisch. Doch das Trampen in Griechenland erweist sich so zäh wie ein Zweitligaspiel am Montagabend auf Sport1. So lässt sich kein guter Spot finden, was vor allem daran liegt, dass an griechischen Autobahnen keine Tankstellen vorhanden sind. Daher suchen wir am Stadtrand in der Nähe der Autobahn Richtung Osten nach Möglichkeiten.

Als wir an einer Autobahnauffahrt mit Schild stehen, sagt uns nach kurzer Zeit ein älterer Herr mit Blick auf unser Schild, dass wir falsch stehen. Ich widerspreche, doch das lässt er nicht gelten, setzt uns in sein Auto, und fährt auf die Autobahn, auf welcher er zwei Minuten später anhält. Er steigt aus und sagt, wir müssten jetzt auf die andere Seite laufen und da das Schild raushalten. Nach einer Weile merken wir, dass er es ernst meint. Also nehmen wir unsere Rucksäcke und rennen, wie einst bei Frogger gelernt, quer über die Autobahn.

Dort angekommen halten wir unser Schild nur kurz hoch, da die Autos im sehr hohen Tempo an uns vorbei fahren (wer hätte das gedacht). Also laufen wir zu einer Tankstelle, die etwas weiter entfernt, parallel zur Autobahn liegt. Wieder werden wir direkt vom Tankwart ausgelacht und erneut auf die Autobahn geschickt. Wir fragen ein paar Leute, die tanken, nach einem Lift, da aber bereits fünf Stunden seit unserem Start am Morgen vergangen sind, denken wir ans Aufgeben. Da wir zumindest dem Tankwart beweisen wollen, dass auch seine Taktik nichts bringt, klettern wir über den Zaun zur Autobahn, stellen uns hinter eine Leitplanke und halten das Schild direkt an der Autobahn in den Wind.

Doch der Tankwart sollte Recht bekommen. Es dauert tatsächlich nur kurz, bis jemand für uns stoppt. So entspannt wie Franz Beckenbauer nach dem WM-Sieg 1990 über den Rasen lief, spaziert auch Ioannis nach dem Anhalten über die Autobahn, begrüßt uns, räumt sein Auto auf, damit wir Platz genug haben und fährt dann los. Unterwegs erzählt er ein paar lustige Anekdoten, muss uns dann aber nach 50km in seinem Heimatdorf raussetzen und sagt, dass wir keine Chance mehr hätten noch weiter zu kommen, da es schon dunkel wird.

Aber wir sind trotzig und glauben, unser Lauf müsste jetzt beginnen. Aber wie Andi Brehme schon sagte: „Haste Scheiße am Fuß, haste Scheiße am Fuß!“. So verlässt uns nach zwei weiteren Stunden an der Straße der Optimismus. Wir überlegen schon, wo wir unser Zelt aufbauen und die Nacht nicht völlig erfroren überleben können, als Anna plötzlich hält. An ihr bestätigt sich wieder einmal, wie oft Vorurteile innerhalb von Sekunden widerlegt werden können. Als sie an einer Ampel steht, winke ich lustig mit dem Schild (20km), ohne es noch wirklich ernst zu meinen und sage Maren, dass die in ihrer getunten 401er Mühle höchsten zum nächsten Netto-Parkplatz fährt. Jedoch belehrt mich Anna eines Besseren, hält an und nimmt uns bis nach Kavala mit.

Strand in Kavala

Dort angekommen suchen wir uns direkt eine vollbesetzte Kneipe, setzen uns zufrieden dazu und schauen ein Spiel des AEK Athen. Nach dem schlechten Start in den Tag, scheint sich nun das Glück zurück auf unsere Seite zu schlagen, als wir kurz darauf sogar noch mit Lacarus einen Couchsurfinghost finden. Ein wirklich sympathischer Typ, der uns zusammen mit seinem Freund Bill mit ein paar Willkommensschnäpsen in seiner Wohnung begrüßt. Anschließend gibt es noch ein Mini-Konzert, bei welchem er auf seiner Gitarre ein paar griechische Chansons zum Besten gibt und zeigt, dass dieses Land musikalisch mehr zu bieten hat als Costa Cordales.

Bill und Lacarus (im Hintergrund)

Am nächsten Morgen stehen die letzten 150 km nach Alexandroupoli an. Wir denken, dass es nicht schlimmer werden könnte als am Vortag und es gelingt tatsächlich etwas besser. In kleinen Abständen und mit vier verschiedenen Fahrern schaffen wir es relativ schnell an unser Ziel zu gelangen, verpassen aber leider unsere Fähre auf die Insel Samothrakí um eine Stunde. Also verbringen wir die Nacht in Alexandroupoli. Eine kleine Stadt nahe der Grenze zur Türkei, die scheinbar vielen Neureichen in Griechenland ein zu Hause bietet.

Ein Blick auf Samothrakí, dessen Spitze (1.611m) in den Wolken verschwindet

Am nächsten Morgen halten wir am Hafen noch eine Weile unseren Daumen übers Meer, um unseren ersten Boots-Hike hinzulegen, doch leider ohne Erfolg. Also nehmen wir etwas später die Fähre nach Samothrakí. So schippern wir 50km über das Mittelmeer und werden dabei von Delphinen begleitet. Bei der Ankunft im Hafen verabschieden diese sich springend im Sonnenuntergang, es ist rosa und irgendwie könnte es nicht kitschiger sein. Die Strecke von 15km quer über die Insel zu unserer Unterkunft erweist sich als anstrengend, aber auch als willkommene Abwechslung, da wir uns ja bisher meist den Hintern in fremden Autos nur runder gesessen haben.

Marens Vorfreude auf den Kurzurlaub. Nicht im Bild: Samothrakí

Die Insel Samothrakí ist ein Traum. Wie wir es uns gewünscht haben. Kaum Menschen, Natur und Wahnsinnswetter. Unsere Tage bestehen aus Baden in heißen Quellen unterm Sternenhimmel, Wasserfälle suchen und erklettern, Hippiecamps aufsuchen und Sonnenbrände bekommen. Jeder der sechs Menschen, die wir auf der Insel treffen, sagt uns, dass wir im Sommer wieder kommen sollen, aber wir finden es so wie es ist für uns perfekt. Doch nach drei Tagen bekommen wir dann doch Lust auf die Türkei und beim Anblick der vielen Ziegen auf der Insel auch auf den türkischen Präsidenten. So besinnen wir uns auf unsere Stärken, trampen zurück in den Hafen, fahren ein paar Stunden mit dem Roller, um den Rest der Insel noch zu sehen und schippern schließlich mit der Fähre zurück nach Alexandroupoli.

Wasserfälle in Samothrakís Hippiewald

Da wir vom Trampen in Griechenland sehr enttäuscht sind und gerne eine weitere Nacht in Alexandroupoli verhindern möchten, buchen wir einen Bus, der Nachts von Alexandroupoli nach Istanbul fährt. Wobei von buchen keine Rede sein kann. Stundenlange Telefonate mit der Busfirma scheinen vergebens, als wir am Festland ankommen und irgendwie doch keiner an der verabredeten Stelle zur Ticketübergabe auf uns wartet.

Zum Glück hat die junge Dame mir die Telefonnummer des Busfahrers gegeben, welchen ich anrufe. Dieser geht verschlafen ans Telefon, sagt drei Mal „Oche“ (griechisch: Nein) und legt wieder auf. Ein weiter Anruf bei einem anderen Griechen, der kein Englisch spricht, antwortet vier Mal mit „Ne“ (griechisch: Ja) auf meine Fragen. Da das Positive überwiegt und wir bereits wissen wann und wo der Bus abfahren soll, begnügen wir uns damit, gehen in eine gut gefüllte Kneipe und schauen gemeinsam mit enthusiastischen Fußballfans AEK Athen gegen Irgendwas-Auf-Griechisch-Geschriebenes.

Spät nachts um 2 Uhr stehen wir dann schließlich am Busbahnhof und freuen uns, als plötzlich in der Nebenstraße der erhoffte Bus auftaucht. Wir klatschen ab und jubeln, doch leider erstickt die Freude, als der Bus Sekunden später die Straße auf der anderen Seite stadtauswärts fährt. Da wir ungern bei der Kälte zelten möchten, wähle ich schnell die Numer des Busfahrers. Der nimmt ab und antwortet auf meine Aussagen: „Alexandroupoli – Istanbul, Now! Ne?“ mit viel wirrwarr und „Ten minutes!“. Als der gleiche Bus schließlich wenig später erneut die Straße zu unserer Rechten in die Stadt fährt, jubeln wir erneut. Dieses Mal siegesgewiss. Doch wieder erlischt die Freude, als der Bus eine andere Straße als unsere weiter fährt. Die nächsten Minuten verbringen wir rennend durch die Stadt, sehen immer wieder den Bus von weitem und versuchen, ihm den Weg abzuschneiden. Wir können es kaum glauben, aber es gelingt schließlich am Hafen.

Nach kurzer Fahrt durch die Nacht erreichen wir bereits die griechische Grenze, an der wir aussteigen müssen um den Reisepass vorzuzeigen. Anschließend kaufen die vier Busfahrer sämtlichen Alkohol aus dem Duty Free Shop, bevor wir an die türkische Grenze gelangen und erneut aussteigen müssen. Außer, dass der Grenzbeamte und die Busbegleitung sich über meinen Namen belustigen, läuft alles glatt und drei Stunden später befinden wir uns auch schon in Istanbul. Eine unfassbar imposante Stadt, in der wir relativ schnell zu uns selbst sagen:

Erkenntnisse der vergangenen Wochen:

  • Es ist ziemlich krass, wenn man nicht nur die Sprache in einem Land nicht spricht, sondern auch noch sämtliche Wörter in kyrillisch (Serbien) oder griechisch geschrieben sind
  • Ein Inselbewohner zu sein, muss im Winter sehr langweilig sein
  • Als Tankstellenbetreiber könnte man an Griechenlands Autobahnen Millionen verdienen
  • In der Türkei wurde in diesem Winter zum ersten Mal die Zeit nicht um eine Stunde zurück gedreht, so dass es jetzt zwei Stunden Unterschied zu Deutschland gibt. Die offizielle Version lautet, um Energie zu sparen. Die Einwohner sagen, dass Erdogan sich dem Osten annähern will.