Angekommen in Istanbul sind wir komplett fertig, nach nur wenigen Stunden Schlaf im Bus. Wir fahren mit der Metro ins Stadtzentrum und finden einen Platz zum Schlafen auf einer Treppe am Bosporus. Vorbei laufende Menschen sagen „Pssst!“ zueinander und sprechen leise weiter, um uns nicht aufzuwecken. So genießen wir mehr Rücksicht als Podolski unter Löw erfahren durfte. Die Sonne sorgt für den ersten Sonnenbrand und nach einer Mittagspause legen wir uns in einen Park, um weiter zu schlafen. Am frühen Abend kontaktiert uns dann Firat, unser Couchsurfing-Gastgeber und wir machen uns auf dem Weg zu ihm.

Schlafplatz mit schöner Aussicht auf den Bosporus

Unterwegs wird uns direkt die enorme Gastfreundschaft der Menschen offenbart. Überall werden wir gefragt, ob man uns helfen könnte und so schaffen wir es mit der Unterstützung vieler Leute zum Treffpunkt am anderen Ende der Stadt, den wir allein niemals gefunden hätten. Dabei sprechen zwar nicht viele englisch, jedoch wird mit aller Kraft versucht zu helfen. Am Treffpunkt wartet Firat bereits an einer Moschee auf uns. Firat arbeitet im Krankenhaus als Therapeut für Krebskranke, ist ursprünglich aus dem Osten des Landes, Kurde und hebt das Wort Gastfreundschaft auf ein neues Level.

Firat

Wir verbringen drei Nächte bei ihm und lernen die Stadt und die Mentalität der Menschen so richtig gut kennen. Dabei wird wieder einmal deutlich, wie sehr der Glaube ein zentrales Element vieler Menschen hier ist. Zum Einen in optischer Hinsicht, durch die über 2.500 Moscheen in Istanbul, die das Stadtbild prägen. Darüber hinaus durch die uns aus Sarajevo bekannten Gesänge von den Minaretten, die in der ganzen Stadt zu hören sind und fünf Mal am Tag zum Gebet auffordern. Bei jedem Mal erleben wir, wie die Straßen dabei spürbar leerer werden und sich nach Ende der Gebete schnell wieder füllen. Es ist schon spannend zu sehen, dass diese Menschen bis zu 35 Mal pro Woche in die Moschee pilgern und wir schon Probleme haben, einmal die Woche Sonntags in der Kirche zu sitzen.

Sultan Ahmed Moschee

Da wir am muslimischen Glauben interessiert sind, nimmt Firat, auch wenn er selbst dem Glauben abgeschworen hat, uns mit in eine Moschee in seinem Stadtteil. Vor dem Beten waschen sich die Menschen Hände, Füße und das Gesicht.Wir ziehen unsere Schuhe aus, verschleiern Maren (Kapuze reicht) und setzen uns nach ganz hinten, bis das abendliche Gebet beginnt. Während wir warten, kommen mehrmals Männer auf uns zu und streichen uns mit einer Art Mini-Deo-Stick über die Hand. Firat erklärt, dass die Menschen hier sehr dicht nebeneinander hocken und dies hilft, unangenehme Gerüche zu übertünchen. Da ich seit Tagen nicht geduscht habe, würde ich es mir gerne auch unter die Achseln streichen, verkneife es mir aber.

Eigentlich müsste Maren wie alle anderen Frauen in einen seperaten Teil der Moschee, damit es nicht so aufreizend ist, wenn sie sich bei dem Gebet immer wieder bückt und aufsteht. Als kurz vor Eintritt des Imams ein Sicherheitsangestellter auf uns zu kommt, ahnen wir den Rausschmiss, allerdings will er dann doch nur Firat und mich darauf hinweisen, dass man nicht mit überkreuzten Beinen dasitzen sollte. Wir schauen eine Weile interessiert zu, wie immer wieder in der gleichen Bewegungsabfolge alle gemeinsam das Gebet sprechen. Vor dem vierten und letzten Mal der Gebetsabfolge verlassen wir dann aber die Moschee, um nicht ins Gedränge zu kommen.

Eine von unzähligen Skylines Istanbuls

Während unseres Aufenthalts begeistert uns Istanbul. Überall sind es vor allem die freundlichen Menschen, mit denen wir immer wieder ins Gespräch kommen. Hinzu kommt das unfassbar leckere Essen, bei welchem uns nicht einmal das Schweinefleisch fehlt. Auch das ständige Teetrinken an allen Orten und zu allen Zeiten spielt uns in die Karten und sorgt für große Geselligkeit. Etwas, was darüber hinaus das Stadtbild Istanbuls prägt, sind die vielen Katzen. Wir stellen fest: Hier streunen mehr Pussys herum als im Goldenen Anker.

Fischer auf einer Brücke. Erst angeln, dann frisch verkaufen.

Überall auf den Straßen verkaufen scheinbar ärmere Menschen kleine Dinge wie Pflaster, Taschentücher oder einfach nur Wasser. Darunter befinden sich auffällig viele Straßenkinder. Ohnehin sprechen viele Türken von den vielen Flüchtlingen, welche aus Syrien gekommen sind. Laut den Einheimischen erhalten diese unmittelbar eine Unterkunft und die türkische Staatsbürgeschaft vom Staat. Zum Stimmenfang für den Präsidenten, wie erzählt wird. Wir vermuten besorgte Bürger mit Angst um ihr (Abend?)Land. Sollte es stimmen, wäre es allerdings sicher auch eine Methode für Angie, die Wahl im September locker in die Tasche zu stecken.

Schuhputzer Hassan (nicht verwandt mit Frank Ribéry), auf dessen Anlocktrick ich hereinfiel. Bezahlt habe ich dann aber gerne, da seine beiden Kinder im Krankenhaus sind und Aischa zufälligerweise genau morgen operiert wird.

Zwar wird immer wieder relativ schnell darauf hingewiesen, dass sich unsere Regierungen hassen, wenn wir erzählen, dass wir Deutsche sind. Jedoch einigen wir uns schnell, dass das unabhängig von unseren persönlichen Sympathien ist. Zusätzlich werden die enorme Polizeipräsenz und die vielen Personenkontrollen in der Stadt deutlich. Firat sagt, das sei dazu da um Angst zu verbreiten und dadurch Stimmen für die Volksabstimmung zu sammeln. Ohnehin ist die Stadt knapp einen Monat vor der Abstimmung übersät von Evet (Ja) Plakaten und Werbeverantstaltungen. Scheinbar, so erzählen es auch mehrere Einheimische, ist die Wahl für die Regierung noch lange nicht gewonnen. Wir bekommen auf jeden Fall zunehmend Lust, ebenfalls zur Wahl zu gehen. Natürlich, um mit „Evet“ zu stimmen…

Wahlwerbung. Ja!

Aus unserer Perspektive scheint Istanbul überbevölkert zu sein. Überall erfahren wir dagegen, dass die Stadt leer geworden ist, seit dem Anschlag an Neujahr und der zunehmenden politischen Probleme. Das bemerken wir, als wir uns am Wochenende mit Firat ins Nachtleben stürzen. Die Straßen wimmeln zwar von Clubs, Bars und Kneipen aber es scheint als wären es zu viele, für zu wenige Besucher. Doch Firat führt uns an die richtigen Stellen, so dass wir doch noch die lockersten Hüften Deutschlands auf der Tanzfläche präsentieren können. Im Anschluß werden dann auf dem Nachhauseweg noch Muscheln am Straßenrand gegessen, um den Kater vorzubeugen.

Nach drei Nächten bei Firat müssen wir leider die Unterkunft wechseln, da seine Tante aus Syrien sich inkl. Tochter kurzfristig angekündigt hat. Deshalb gehen wir in ein Hostel im Stadtzentrum. Wir entscheiden uns für das günstige Achtbettzimmer, welches auch relativ gut gefüllt ist. Allerdings kommt es hier zu unschönen Szenen. So befinden sich zwei ältere Personen in unserem Zimmer, die dieses in 48 Stunden nicht verlassen. Anfangs freuen wir uns, da es ja nichts schöneres gibt, als jemanden zu haben, der zu Hause auf einen wartet. Jedoch werden wir skeptisch, als die ältere Dame zunehmend mit sich selbst spricht, nachts dabei Essen zubereitet oder bei geschlossenem Fenster raucht. Um keine Szene zu machen, ziehen wir nach zwei Nächten in ein anderes Hostel.

Am Sonntag besuchen wir, wie schon die Sonntage zuvor, eine englischsprachige Kirche. Die eigentliche Kapelle gehört zur niederländischen Botschaft und ist an diesem Tag von der Polizei aufgrund der Demonstrationen gesperrt worden. Wir haben Glück, dass wir auf dem Weg eine Familie finden, die über die Kirche spricht. Wir hängen uns an diese und gelangen dadurch zum Ausweichraum. Im Gottesdienst wird dann erzählt, dass sich zwei Mitglieder der Gemeinde in der niederländischen Botschaft befinden und nicht heraus kommen. Nach dem Gottesdienst verbringen wir den Rest des Tages mit den jungen Leuten der Gemeinde und fühlen uns beim vielen Essen und gemeinsamen Abhägen wieder wie an einem deutschen Sonntag. Als wir später die niederländische Botschaft passieren, erfahren wir, dass die Demonstranten zuerst versehentlich zur russischen Botschaft gelaufen sind und auf diese Eier geworfen haben.

Würstchenglasfeeling in Istanbuls Gassen

Am letzten Tag vor der Weiterreise trauen wir uns ein erstes Mal rüber auf die asiatische Seite des Bosporus. Mit dem Bus fahren wir über die Brücke „der Märtyrer des 15. Juli“ Richtung Asien. Doch nach kurzer Zeit erscheint uns der asiatische Raum bereits so fremd und wir sehnen uns zurück. Deshalb fahren wir schließlich mit der Fähre zurück nach Europa und hoffen, dass wir am nächsten Tag bereit sind für den Kulturschock. Nach den vielen Eindrücken und Erfahrungen fühlen wir uns sehr wohl und verbringen dementsprechend mehr Zeit hier als an anderen Orten vorher.