Angekommen in Trabzon kümmern wir uns um ein paar organisatorische Dinge und sammeln uns ein wenig. Da ich meine Schlüpfer in allen erdenklichen Stilen getragen habe (vorne, hinten, auf links, beide Beine durch ein Loch, gar nicht…) und wir auch sonst so sehr zu riechen scheinen, dass entgegenkommende Menschen die Straßenseite wechseln, entschließen wir uns, unsere Sachen zu waschen. Hierfür finden wir einen kleinen Waschsalon, der uns nach nur wenigen Stunden unsere Sachen so unfassbar gut riechend und weich zurück gibt, wie es sonst nur Mutti schafft.

Ein weiteres Ziel ist die iranische Botschaft. Zwar besitzen wir noch keine Reference Number um das Visum beantragen zu können, doch wollen wir trotzdem einmal überprüfen, ob sich nicht zufällig ein 5.000 Rial-Schein hinter dem Ohr des Botschafters befindet, der zur schnelleren Bearbeitung beitragen könnte. In der Botschaft angekommen wird uns allerdings direkt deutlich gemacht, dass es ohne die Reference Nummer keine Möglichkeit gibt. Vielleicht hat es aber auch daran gelegen, dass 5.000 Rial noch nicht einmal 20 Cent Wert sind. Um wenigstens etwas für das Visum vorbereiten zu können, kopieren wir ein paar Unterlagen und machen Passfotos. Hierbei erweist sich das Binden des Kopftuchs bei Maren als ausbaufähig, die Fotos allerdings können sich sehen lassen. Zumindest die von mir.

Da wir nun die Gewissheit haben, dass es noch mindestens zwei Wochen dauern wird, bis wir das Visum in Trabzon beantragen können, entscheiden wir uns, in das nur 200km entfernte Georgien zu trampen. An einer Tankstelle fragen wir nach Möglichkeiten und werden ziemlich schnell von zwei jungen Soldaten mitgenommen. Als wir nachfragen, warum sie in die falsche Richtung fahren, erwidern sie in gebrochenem Englisch: „Car-Change… then Of“. Da Of ein Ort Richtung Landesgrenze ist, sind wir beruhigt. Doch nach nur wenigen Kilometern bemerken wir, dass die beiden uns einen Bus in die Richtung organisieren wollen. Wir lehnen dankend ab, doch einer der beiden hat bereits Tickets für uns bezahlt und lässt keine Ausreden mehr gelten. Wir bedanken uns artig und sitzen wenig später im Minibus nach Of.

Nach diesem klassischen Fehlstart gibt es ein Frühstück in Of, bevor wir wieder an die Straße ziehen. Dort werden wir einige Kilometer am Schwarzen Meer entlang von zwei jungen Türken mitgenommen und können anschließend endlich ein Häkchen auf der To-Do-Liste unter dem Punkt: Auf einer Ladefläche mitfahren, setzen. Allerdings sitze ich alleine auf der Ladefläche. Maren darf vorne mit ins Fahrerhäuschen und mit einem jungen Pärchen Falco-Hits hören. Als ich alle zusammen „Out of the dark“ mitsingen höre, bin ich mir unsicher, wer es besser erwischt hat.

Auf den letzten Kilometern zur Grenze hält ein Trucker für uns an. Aufgrund unseres mittlerweile „enormen“ Türkisch-Wortschatzes freunden wir uns schnell an und er drängt uns dazu, bis in Aserbaidschans Hauptstadt Baku oder zumindet bis nach Tbilisi mitzufahren. Scheinbar genießt er die Unterhaltung und tut alles dafür, uns mitnehmen zu können. Er versorgt uns mit Essen und trinken, lässt Maren auf seiner Liege schlafen und deckt sie mit seiner Jacke zu, ruft seine Tochter an, die Englisch spricht damit diese übersetzen kann und versucht uns am Ende sogar gegeneinander auszuspielen, um zumindest eine Person mitnehmen zu können. Wir sind geschmeichelt, lehnen aber dennoch schweren Herzens ab, da wir kein Visum für Aserbaidschan besitzen und keine zehn Stunden über Nacht im LKW sitzen möchten.

Da sich wenig später kurz vor der Grenze ohnehin eine endloslange LKW-Schlange bildet, steigen wir aus und suchen uns eine neue Mitfahrgelegenheit weiter vorne. Die letzten Meter laufen wir ganz routiniert in Richtung Grenze und treffen dort auf eine sehr große Menschenmenge, die ebenfalls nach Georgien möchte. Klassischer Wochenendverkehr nehmen wir an. Nach dem problemlosen Übergang erwarten uns bereits unzählige Taxifahrer, welche uns beim Handeln gefühlt unterbieten und wir gar nicht ablehnen können. So fahren wir die letzten Kilometer nach Batumi in einem alten Benz (nur 519.000km gelaufen) und merken schnell, dass dieses Land so sehr überschwemmt zu sein scheint von Mercedes E- und C-Klassen, wie die Türkei von Katzen.

Querschnitt durch Batumi

In Batumi lernen wir in unserem Hostel Ali kennen. Ali ist aus der Türkei, arbeitet allerdings für ein paar Jahre zusammen mit seinem türkischen Freund Aykut in Batumi. Das Geld, dass er hierbei verdient, benötigt er um sich damit vom Militärdienst in der Heimat freikaufen zu können. Eine Praxis, von der uns schon mehrere Menschen in der Türkei erzählten. Wir verstehen uns auf Anhieb und so lädt er uns mit all seiner kurdischen Gastfreundschaft zu einem selbstgekochten Abendessen am nächsten Abend ein. Als wir ihm dann auch noch unsere bereits gelernten kurdischen Tanzschritte zeigen, gibt es direkt noch die Einladung zu seiner Hochzeit im nächsten Jahr. Wir sagen zu, hätten sie wahrscheinlich aber ohnehin gecrasht.

Abendessen mit v.l.n.r.: Aykut, Ali, Reno, Mareike und Fabian

Batumi selbst entpuppt sich als reiche Hafenstadt, in der sich an der Schwarzmeer-Promenade eine Vielzahl an riesigen Hotels und Casinos aneinandereihen, welche einen Hauch von Las Vegas versprühen. So stellen wir es uns zumindest dort vor. Verlässt man diesen Teil allerdings, wird nach wenigen hundert Metern in Richtung Stadtkern deutlich, dass dies nur der äußere Schein ist.

Nach zwei Tagen in Batumi bemerke ich, dass meine Kreditkarte verschwunden ist. Da der letzte Transfer (an den ich mich erinnere) bereits 48 Stunden her ist, lasse ich die Karte sperren und mir die Laune für den restlichen Tag vermiesen. Nun versuchen wir eine kostenlose Ersatzkarte zu beantragen, was sich allerdings als nicht so einfach ohne festen Wohnsitz herausstellt.

Am Montag fahren wir dann in die Hauptstadt Tbilisi (Warum heißt diese im Deutschen eigentlich Tiflis?). Dieses Mal gönnen wir uns einen Bus, da wir ein wenig satt vom Trampen sind. Auf der Fahrt werden wir direkt vom Karma gestraft. So hat unser Bus nach der Hälfte der Strecke ein Problem mit dem Motor und wir müssen 30 Minuten auf einen Ersatzbus warten. Dieser ist dann dementsprechend so klein, dass ich mich wie Dirk Nowitzki unterm Küchentisch fühle. Zusätzlich wird der krasse Verkehr deutlich, der dem in der Türkei noch eins oben drauf setzt. So verhalten sich sämtliche Verkehrsteilnehmer, als würden sie auf einer dreispurigen Autobahn fahren, obwohl ihnen nur eine einspurige Landstraße zur Verfügung steht. Erschwerend kommt hinzu, dass aufgrund der enormen Anzahl an Mercedes-Benz fast jeder Vorfahrt hat.

Wir überleben die Fahrt wider erwarten und machen uns in Tbilisi auf den Weg zu unserem Couchsurfgastgeber Gio. Dieser hat seine Wohnung zu einer Art Hostel umfunktioniert, da er vor zwei Monaten Couchsurfing für sich entdeckt hat und seitdem versucht, so vielen Menschen wie möglich ein zu Hause zu geben. Seine Wohnung befindet sich in einem riesigen alten Sowjetgebäude, dass mehr wie ein Rohbau wirkt aber trotzdem eine sehr schöne Wohnung bereit hält. Gio erzählt, dass viele Flüchtlinge in dem Gebäude wohnen, diese allerdings nicht aus den klassischen Ländern wie Syrien oder Afghanistan stammen, sondern aus den Regionen Abchasien und Südossetien.

Interessant ist die Art des Miete zahlens in dem Gebäude, in dem wir wohnen. Noch vom Sozialismus geprägt soll sich hierbei keiner auf Kosten des anderen bereichern. Daher bezahlt Gio als Mieter 70-80% des Wohnungswertes bei Einzug, wodurch ihm die Wohnung für zwei Jahre gehört. Nach zwei Jahren muss er wieder ausziehen, da der Vertrag endet, dabei erhält er allerdings sein gesamtes Geld zurück. In der Zwischenzeit hatte sein Vermieter damit die Chance, zu arbeiten bzw. es zu vermehren. Eigentlich gar keine schlechte Idee, außer dass man bei Einzug viel Geld besitzen muss.

Außer uns ist William aus Kanada ebenfalls bei Gio zu Gast, der sich seit längerem auf einem Selbstfindungstrip befindet und einlädt zu allerlei philosophischen Gesprächen. Sein selbstgeschriebenes Buch, dass laut ihm der nur der absolute Bestseller werden kann, schickt er uns auch direkt, wodurch wir beim Lesen ein noch besseres Bild seines Inneren erhalten. So haben wir eine unterhaltsame Zeit zu viert und nehmen die Stadt nur kurz auf einem Stadtrundgang wahr. Dieser relativ kurze Eindruck von Tbilisi zieht uns vorerst nicht wirklich in seinen Bann.

In echt viel schärfer: William, Gio, Maren und Reno

Daher heißt unser nächstes Ziel Gudauri. Ein Ort in den Bergen, der sich nur knapp zwei Stunden mit dem Minibus (und vielen Nahtoterfahrungen) von Tbilisi entfernt befindet. Dort gibt es ein Skigebiet, weshalb wir uns erneut dazu entscheiden, Urlaub vom Urlaub zu machen. Wir haben Glück, da wir sämtliches Equipment wie Snowboard, Boots, Hose, Helm und Handschuhe vor Ort sehr günstig leihen können. Jeden Tag wird dabei neu über den Preis verhandelt, allerdings mehr zur Unterhaltung als aus taktischen Gründen. Zusätzlich gibt es im Happy Yeti Hostel, das einen Steinwurf entfernt liegt, Frühstück und Abendbrot, so dass wir uns voll auf unsere Pistenkilometer konzentrieren können.

Maren vor dem Kaukasus. Bereits leicht rot: Das Gesicht.

Das Skigebiet in Gudauri hat insgesamt 60 Pistenkilometer und ist dadurch sehr übersichtlich. Die Pistenpläne weisen die verschiedenen Strecken allerdings unterschiedlich aus. Was auf der einen Karte als rote Piste angezeigt wird, erscheint auf der nächsten als blau. Andere vermeintlich blaue Pisten werden woanders dagegen als schwarze Piste dargestellt. Als wir uns selbst ein Bild von den Strecken machen, glauben wir den Grund zu kennen. Verschiedene Pisten, die sich zu Beginn des Tages oder nach Neuschnee sehr gut fahren lassen und deshalb blau eingezeichnet sind, werden bei schmelzendem Schnee schnell zu schwarzen, da kaum noch Schnee vorhanden ist und eine Menge Steine aus dem Boden gucken. Zum Glück haben wir Leihboards, so dass auch Offroad für uns nur eine Frage des Willens ist.

Etwas, das uns zusätzlich fehlt, auch wenn wir es nie gedacht hätten, sind Helene Fischer und DJ Ötzi. Über das Ausbleiben von „Atemlos“ beim Aprés Ski könnten wir hinweg sehen, aber durch das Fehlen von „Sweet Caroline“ oder „Wir wollen die Eisbären sehen“ verwundert es uns kein bisschen, dass hier um 17.30Uhr immer noch keiner ohne Hose auf dem Tisch tanzt. Dennoch sind wir sehr zufrieden mit den Gegebenheiten. In vertrauter Runde von knapp 20 Leuten fahren wir die Pisten herunter, haben keine Wartezeiten am Lift und lassen uns dabei unsere Gesichter von der strahlenden Sonne so richtig rot  brennen.

Am zweiten Tag verletzt Maren sich leider zu Beginn leicht am Knie. Sie analysiert die Verletzung mit den Worten von Lothar Matthäus: „Ich habe gleich gemerkt, das ist ein Druckschmerz, wenn man draufdrückt.“ Doch glücklicherweise geht es weiter. Ein viel größeres Problem erkennen wir dann am Abend. Da es am ersten Tag problemlos ohne Snowboardbrille möglich war, die Pisten herunter zu fahren, verzichten wir auf diese und auf die Sonnencreme am zweiten Tag ebenfalls. Sind wir zu Beginn des Abends nur rot, wird aus diesem leichten Sonnenbrand über Nacht ein stark angeschwollenes Gesicht, das uns komplett entstellt. So bleiben wir die nächsten beiden Tage im Hostel, kühlen durchgängig unsere Gesichter und lassen uns sagen, dass wir nicht die Ersten und garantiert auch nicht die Letzten sind, die so bescheuert waren.

FSK 18: Vorher – Nachher.

Am Sonntag endet die Saison im Hostel schließlich. Als letzte Gäste werden wir von den Mitarbeitern am Samstag Abend noch zur Abschlussfeier eingeladen, müssen uns dann am nächsten Morgen aber einen neuen Ort zum Auskurieren suchen. So stellen wir uns sonntags früh mit dem Rücken zur Fahrbahn an die Straße, um niemanden zu erschrecken und halten den Daumen raus. Wir haben Glück. Der erste Fahrer hält und nimmt uns, nach ein paar Zwischenstopps (Sightseeing, Waren zu Mutti und anderen Frauen bringen), mit nach Tbilisi. Dort landen wir in einem Hostel, in dem wir erneut die Erfahrung machen, dass wir noch weiter herunter gehandelt werden, als wir bereits bezahlen wollen. Die nächsten Tage geben wir Tbilisi eine zweite Chance, stocken unglaublich günstig unser Equipment auf und meiden vor allem die Sonne. Abends haben wir dann eine gute Zeit mit den anderen Hostelgästen.

Vor allem am letzten Abend vor unserer Weiterreise wird es unterhaltsam, da wir draußen auf der Straße Patrick und Georgia wieder treffen. Kennengelernt haben wir die beiden in Kappadokien in einer Höhle. Da die beiden ebenfalls auf dem Weg in den Iran waren, dachten wir, es könnte dort eventuell nochmal unterwegs zu einem Treffen kommen. Nachdem wir in der Türkei auseinander gegangen waren, ärgerten wir uns dann ein wenig, dass wir keine Nummern ausgetauscht hatten. Und nun stehen die beiden plötzlich in Georgien vor uns am Straßenrand.

Wir freuen uns, dass wir uns wieder sehen und da sie ohnehin gerade auf der Suche nach einer Unterkunft sind, nehmen wir sie mit in unser Hostel. Patrick und Georgia wollten eigentlich längst im Iran sein, haben es sich aber doch zu einfach mit dem Beantragen des Visums vorgestellt. So haben wir einen schönen letzten Abend in Tbilisi bei Geschichten aus der Türkei, Blasmusik und Wein.

Däne Patrik und Griechin Georgia

Am nächsten Morgen fahren wir mit dem Zug zurück in den Westen des Landes, nach Kobuleti. Die Zugstrecke wurde uns von Gio empfohlen, da man abseits der Straßen durch die Landschaft fährt. Die Aussicht auf den Kaukasus ist dabei wirklich beeindruckend, als wir mit gefühltem Schritttempo durch die Gegend schaukeln. Interessant ist dabei, dass der Zugführer unfassbar häufig die Hupe unterwegs betätigt. Wir sind uns nicht sicher, ob er normalerweise die Strecke mit dem Auto fährt und auf Entzug ist oder einfach immer wieder einnickt.

In Kobuleti angekommen haben wir den wärmsten Tag bisher auf unserer Reise. Bei 24°C und Sonnenschein am Schwarzen Meer wünschen wir uns ein wenig, dass unsere Gesichter nicht gerade erst vier Hautschichten verloren hätten und immer noch abpellen würden. Am Ufer entlang laufend gehen wir in das teuerste Hotel an der Promenade, fragen nach dem günstigsten Zimmer, um anschließend laut lachend wieder hinaus zu laufen.

Schwarzmeerstrand von Kobuleti. Im Hintergrund: Batumi.

Unterwegs laden uns ein paar georgische Soldaten zu Bier und Wurst ein und erzählen uns, soweit wir es richtig verstanden haben, von ihren schönsten Panzerstunden in Russland und Afghanistan. Wir sind begeistert, genießen später beim Beobachten von Fischern den Sonnenuntergang und nehmen uns vor, ein paar Tage zu bleiben, bevor es ins verregnete Trabzon zurück geht.

Soldaten Sit-In am Meer

Abends stellen wir dann endlich das erste Mal unser Zelt auf. Am Strand neben einer von unzähligen Bauruinen haben wir einen guten Platz gefunden und wollen gerade einziehen, als ein vorbeilaufender Georgier uns das Zeichen für Hier-nicht-erlaubt gibt und uns damit verunsichert. Wir überlegen kurz ob wir uns über sein Wort stellen, beenden dann aber die Aktion und suchen uns vorerst eine andere Unterkunft.

Insgesamt gefällt uns Georgien sehr gut. Als wir die Grenze von der Türkei nach Georgien überschritten haben, fühlten wir uns, obwohl wir weiter im Osten angekommen waren, zurück in Osteuropa. Die Kultur und die Religion erscheint uns weniger fremd, als es in der Türkei der Fall war, was es aber nicht besser oder schlechter macht. Die Menschen sind freundlich zu uns und die Landschaften außerhalb der Städte wunderschön.