Als meine Eltern mir zum letzten Geburtstag eine Armbanduhr schenkten und ich nicht direkt in überschwengliche Freunde ausbrach, lernte ich eine Sache über mich: Zuerst muss ich mich an Dinge gewöhnen, bis ich sie wirklich gerne mag.

Das Gleiche gilt wohl für Menschen, Orte und Umgangsweisen. Wirklich wohl fühle ich mich, wenn ich weiß, was ich zu erwarten habe. Besonders aus diesem Grund waren die letzten zweieinhalb Monate (die auch schon die Hälfte unserer Reise insgesamt darstellen) für mich oftmals eine große Herausforderung, auch wenn sich das auf unserem Blog alles immer so schön liest. Versteht mich nicht falsch, ich habe ganz viel Freude auf dieser Reise und unheimlich tolle Erfahrungen gemacht, die ich wirklich nicht mehr missen möchte. Aber oft fehlt mir ein Moment der Ruhe in einer Umgebung, in der ich mich auskenne, mit Menschen, die wissen was ich meine und bei denen ich nicht vorsichtig sein muss. Auch deshalb waren die letzten Tage in Trabzon für mich schön, weil Reno und ich in einem Hostel gewohnt haben, durch das Warten auf das Iran-Visum zum Stillstand gezwungen, und eigentlich jeden Tag das Gleiche gemacht haben: nichts und Mandalas malen (siehe Titelbild).

Kurz vor der Wahl: Das Evet-Flaggenmeer in Trabzon. Doch es gibt auch sichtbare Gegenstimmen.

Da das Zentrum von Trabzon außerdem nicht groß ist, habe ich inzwischen sogar das Gefühl, mich in der Stadt auszukennen, so oft sind wir die gleichen Wege gelaufen. Und ein weiterer Faktor, der zu meinem Wohlbefinden beiträgt: ein einfaches Verkaufsgespräch kann ich mittlerweile problemlos auf türkisch führen. Auch Muhammed und Serdar, zwei Couchsurfer, die uns zwar leider nicht aufnehmen können, aber gerne Zeit mit uns verbringen, machen den Aufenthalt in dieser Stadt angenehm. Während Serdar ein Türke ist, wie man sie sich in Deutschland vorstellt (extrovertiert, charmant, gastfreundlich und ein „richtiger Mann“), ist Muhammed zurückhaltend und zuvorkommend. Die Beiden treffen sich mit uns mehrmals und mit jedem Mal habe ich mehr Freude daran, denn ich habe das Gefühl, die Beiden kennen zu lernen. Gespräche gehen tiefer als nur bis zum obligatorischen: „Wo kommt ihr her, wo wollt ihr hin?“-Geplauder, und gleichzeitig lustiger. Witze der letzten Tage werden wieder aufgegriffen, alle werden im Umgang miteinander selbstbewusster. Sowas ist mir auf dieser Reise so wertvoll geworden.

Der Grund unseres Wohlbefindens in Trabzon: Muhammed und Serdar

Da wir heute unser Visum abgeholt haben und damit das Warten nun ein Ende hat, werden wir heute Abend noch in Richtung Iran aufbrechen. Ich bin ziemlich aufgeregt deswegen, denn im Gegensatz zu Reno, der so weiter reisen kann wie bisher, ändert sich für mich damit einiges. Ab morgen muss ich mir genau überlegen, was ich anziehen kann, das Kopftuch wird Pflicht und ich muss wieder ganz neu lernen, wie ich mich als Frau in diesem Land zu verhalten habe. Ich bin wirklich gespannt, was dieses zweite große Ziel unserer Reise für uns bereit hält.