Nachdem wir unser Visum aus der iranischen Botschaft in Trabzon abgeholt haben, wollen wir natürlich so schnell wie möglich in Richtung Grenze. Bevor wir allerdings in den Nachtbus steigen, gibt es abends noch einen Abschiedstee mit Muhammed und Serdar, die uns das Warten in Trabzon wirklich sehr angenehm gemacht haben. Naiv wie wir sind, haben wir trotz des Istanbul-Fiaskos vergessen, wie schwer es doch ist, Schlaf in einem Bus zu finden und erhalten unsere Quittung am nächsten Morgen.

Abschied in Trabzon von Serdar und Mohammed (nicht im Bild)

Nach neun Stunden Fahrt steigen wir morgens um 8 Uhr kurz vor der Grenze in Dogubeyazit völlig zerstört aus und ähneln dem Foto in unserem Reisepass nur noch so wenig wie Carlos Valderama Tingeltangel Bob. Daher entscheiden wir uns dazu, das Risiko an der Grenze wegen Passfälschung festgenommen zu werden, nicht einzugehen und uns stattdessen erst einmal einen Platz zum Schlafen zu suchen.

Geduckt und ohne Gesichtsmimik laufen wir in den Ort hinein und sehen dabei scheinbar so mitleidserregend aus, dass wir nach nur wenigen Metern von einem Automechaniker zum Tee eingeladen werden. Auf der Terrasse des kleinen Kaufmannsladen nebenan dauert es nicht lange, bis sich viele junge Männer (Maren sah neben mir immer noch gut aus) um uns versammelt haben und wir diese mit unseren Türkischkenntnissen belustigen.

Der etwas ältere Besitzer des Ladens, Hassan, erkennt schließlich den Schlafmangel in unseren Gesichtern, zeigt uns seinen Garten und fordert uns auf, unser Zelt aufzubauen. Da wir Karfreitag haben und der in Sichtweite liegende Berg Ararat (auf dem die Arche Noah einst nach der Sintflut landete) diesen Ort ohnehin sehr biblisch macht, taufen wir den von Hühnern bevölkerten Garten auf den Namen Gethsemane.

Der Garten Gethsemane mit unserem Zelt

Nach ein paar Stunden Schlaf im Zelt versuchen wir unsere Türkischen Lira in der Stadt gegen Iranische Rial umzutauschen, geben aber aufgrund der schlechten Kurse schnell auf. Zurück im Garten Gethsemane regnet es mittlerweile so stark, dass wir eine weitere Sintflut befürchten. Doch Hassan lässt sich nicht beirren und legt eine zusätzliche Plane über unser Zelt, da dieses vom starken Regen innen bereits leicht feucht ist. Dazu gibt es ein 14-teiliges Bettwäsche Set von seiner Frau, damit wir in der Nacht nicht frieren.

Maren und Hassans Familie

Am nächsten Morgen werden wir vom Hahn und der angrenzenden Moschee geweckt. Wir legen die Planen in die Sonne und lassen alles trocknen, während wir noch ein wenig Smalltalk mit Hassans Familie führen. Nach vielen Segenswünschen und Küssen auf die Stirn von Hassans Mutter, packen wir schließlich zusammen und machen uns auf den Weg. Da wir gebeten werden, auch andere Deutsche über Hassans Garten zu informieren, möchte ich das Versprechen hier kurz einlösen: „Verbringt euren nächsten Camping-Urlaub unbedingt in Doğubeyazıt. Zukünftige Koordinaten eures Zeltes: 39.547958, 44.067913.

Reno und Hassans Familie

Wir machen uns auf den Weg in den Iran und schaffen genau 300m, dann sitzen wir erneut in einer Teestube und erhalten einen Gratistee nach dem Anderen. Irgendwann kämpfen wir uns dann aber doch an die Straße. Dort müssen wir weitere Einladungen zum Teetrinken ausschlagen und eine Traube Kinder abschütteln, da diese sich um uns bildet und sämtliche Fahrer sich weigern, ein junges Pärchen mit 12 Kindern mitzunehmen. Letztlich schaffen wir es dann aber doch, einen Truck anzuhalten. Husseyin ist Iraner, gut gelaunt und nimmt uns schließlich zur Grenze und damit auf unseren fünftausendsten getrampten Kilometer mit.

An der Grenze angekommen, lassen wir uns auf der türkischen Seite ausstempeln. Anschließend bindet sich Maren (noch unbeholfen) ihr Kopftuch um, bevor wir nach dem Vorzeigen des Visums lang und ausgiebig von einer Iranerin begrüßt werden, die sich nach dem Ruf ihres Landes in Deutschland erkundigt und uns Reisetipps gibt. Auf der iranischen Seite angekommen, erleben wir dann direkt die so oft angekündigte Iranische Gastfreundschaft. Von jedem Zweiten werden wir mit einem Handschlag (den gibt es nur für mich) und den Worten „Welcome to Iran“, „Hello Mister“ oder „Hello. Where are you from?“ begrüßt. Wir fühlen uns wie Rockstars, nehmen Datteln entgegen und winken den wartenden Truckern auf unseren ersten Metern im Iran lächelnd zu.

In Barzagen angekommen werden wir innerhalb von Sekunden beim Geldwechseln zu Mehrfachmillionären. Die Nase direkt an der Decke und endlich zur High Society gehörend nehmen wir uns ein Taxi in die naheliegende Stadt Maku. Nach der Ankunft bemerken wir jedoch, dass die Fahrt bereits mehr als 100.000 Rial kostet. Da es zum Glück nur 2,50€ sind, die bei einem Benzinpreis von knapp 25 Cent pro Liter aber ausreichend erscheinen, legt sich die Aufregung schnell. Die Nase geht allerdings auch wieder nach unten.

Aufgrund der vielen Begrüßungsvorgänge an der Grenze und dem Vorstellen der Uhr um 1,5 Stunden, ist es bereits spät und wir entscheiden uns, eine Unterkunft zu suchen. Aber es dauert nicht lang, da wird das Klischee der Gastfreundschaft der Iraner erneut bestätigt und wir werden von einem Familienvater auf der Straße im perfektem Englisch angesprochen und gefragt, ob wir nicht bei ihm schlafen möchten. Wir fragen dreimal nach, ob er sich sicher ist, da seine Frau und seine kleine Tochter eher irritiert gucken, gehen dann aber mit.

Amir entpuppt sich als Englischlehrer an der örtlichen Highschool. Seine riesige Wohnung ist übersät mit Teppichen und bestätigt dadurch ein weiteres Klischee des Irans. So verbringen wir einen schönen gemeinsamen Abend, erhalten interessante Einblicke in sein Leben, sein Denken und seine kuriosen Pläne und haben zu viel Respekt vor der iranischen Regierung, um hier Details hinein zu schreiben (und das meine ich sogar ernst).

Nach einer erholsamen Nacht auf dem Boden gibt es am Sonntag ein Osterfrühstück mit gefärbten Eiern. Zumindest reden wir uns, in unserer ganzen Osterbegeisterung ein, dass die weißen Eier bestimmt vorher braun waren und von Amirs Frau extra für uns weiß gefärbt wurden. Als Ostergeschenk erhält Maren einen Crashkurs im Kopftuchbinden. Mir reicht die Vergebung der Sünden.

Mittag bei Amir und seiner Familie

Nachdem Amir aus der Schule zurück ist, verabschieden wir uns und fahren nach Tabriz. Dort kommen wir spät nachts an, schlagen das Hotel für zwei Millionen pro Nacht aus und finden schließlich ein bezahlbares Guesthouse. Am nächsten Tag schauen wir uns ein wenig in der Stadt um. Erneut muss ich viele Hände schütteln, wir werden zum kurzen englischen Smalltalk gebeten und immer wieder heißt es „Welcome to Iran“. Ein junger Iraner fragt, ob wir uns nach seiner Arbeit treffen wollen. Nicht lang zögernd tauschen wir Nummern aus und schauen was passiert.

Nur wenig später spricht uns beim Mittagessen auf einer Parkbank Nasir an und lädt uns zur Stadtführung ein. Die Arbeit in seinem Schuhladen unterbricht er und fährt mit uns durch die Stadt, um uns die schönsten und wichtigsten Orte in Tabriz zu zeigen. Es ist wirklich unterhaltsam und kaum zurück, ruft auch schon Babak an, dem wir zuvor unsere Nummer gegeben haben. Wir treffen uns mit ihm auf dem Bazar und erhalten eine zweite Stadtführung, zu den noch übrigen Sehenswürdigkeiten. Am Ende gibt es natürlich eine Einladung zur Übernachtung, die wir aber ausschlagen, da wir bereits einen Couchsurfhost haben.

Mit Babak in der Moschee. Rechts unterm Kopftuch: Maren.

Spät abends werden wir dann von diesem abgeholt. Nasser arbeitet als Zerspanungs-Mechaniker in einer Traktorfabrik und hat als großes Hobby die deutsche Sprache. Seit sieben Jahren lernt er diese bereits und spricht sie nahezu perfekt. In Deutschland selbst war er noch nicht, doch drückt er sich so höflich und gewählt aus, dass ich mich fast schämen tu. Nasser wohnt in der Kleinstadt Sahand etwas entfernt von Tabriz und ist ein unfassbar netter und bedachter Typ, mit dem wir viele gute Gespräche haben. Wir erfahren viel über die iranische Kultur, die Gesellschaft und den Vehraltenskodex in der Öffentlichkeit.

Der deutsche Iraner: Nasser

In seiner großen Wohnung, die er für zu klein befindet, besitzt er eine Vielzahl an Fischen. Seinen Lieblingsfisch, einen Arowana, den er täglich mit einem Hühnerherz füttert, taufen wir aufgrund seiner äußerlichen Ähnlichkeit (Googelt Arowana) und dem Hang zum Schweigen auf den Namen unserer Bundeskanzlerin: Angela.

Bei einem Ausflug zum Felsendorf Kandovan, welches uns Nasser empfiehlt, sehen wir, wie schon auf der Fahrt nach Tabriz, die beeindruckende bergige Landschaft im Nord-Westen des Irans. In der Öffentlichkeit fragen wir uns auch hier immer wieder: Was ist erlaubt? und Was lassen wir lieber? Im Gegensatz zu Maren darf ich die Ärmel hochkrempeln und sogar ein T-Shirt tragen. An einem Fluss trauen wir uns dann, die Schuhe auszuziehen, allerdings auch nur, weil wir uns unbeobachtet fühlen und lassen die Socken zur Sicherheit an. So müssen wir uns noch an vieles gewöhnen in diesem Land und verlassen nach einer wirklich schönen Zeit bei Nasser Sahand in Richtung Kaspisches Meer.

No risk, no risk: Maren trägt zwar Kopftuch, zeigt aber den nackten Unterarm!

Bisherige persönliche Erkenntnisse im Iran:

  • unsere ersten Worte Persisch (Farsi) die wir gelernt haben, sind „Daun wiff amerika“. Wir versuchen noch, heraus zu finden, was es bedeutet
  • die offizielle Währung heißt Rial aber jeder sagt hier Toman, was Rial durch zehn geteilt entspricht: 100.000 Rial = 10.000 Toman
  • die Menschen sind unfassbar freundlich und sorgen sich um dein Wohlbefinden
  • überall hängt die iranische Flagge, leuchten die Nationalfarben Grün, Weiß, Rot und hängen Bilder eines grauhaarigen alten Mannes (Chamene’i)
  • Männer sprechen zu Männern, die Frau steht nur daneben. Kein Blickkontakt mit der Frau gilt als höflich (Ich hab’s dir immer gesagt, Mama!)
  • das Kopftuch wird häufig laissez-faire getragen. Aber es sind auch viele Frauen komplett in Schwarz gehüllt. Ich werde demnächst entscheiden, wie Maren es tragen darf #macho
  • beim Preis wird gerne ein Ausländerbonus aufgeschlagen. Doch wir lernen bereits zu handeln und kommen immer günstiger über die Runden
  • im Verkehr wird jeder Millimeter ausgenutzt, viel gehupt und Seitenspiegel berühren sich schon mal. Dafür wurden sie ja schließlich elastisch gebaut
  • eine Mercedes S-Klasse kostet hier 180.000€ aufwärts. Den Sprit gibt’s dann aber ja quasi umsonst
  • es gibt unfassbar viele Taxis, die alle noch unfassbarer günstig sind und nur von den am unfassbarsten günstigen Bussen unterboten werden
  • man wird ständig angesprochen und erhält mehr Handynummern als eine Blondine auf einer BWL-Party
  • wenn es so weiter geht, hat in drei Wochen jeder zweite Iraner unsere Handynummer und ein Selfie mit uns
  • ich werde immer wieder für einen Russen gehalten #Kanisterkopf

Mittlerweile sind wir in Ardabil bei Benyamin und seiner Familie angekommen. Auf dem Weg hierher gab es wieder so viele Einladungen von Menschen, dass unser Terminkalender schon komplett gefüllt sein könnte für den Monat.