In Ardabil bei Benyamin erleben wir eine sehr religiöse Familie. Benyamin wohnt mit seinen Eltern, seinen Brüdern Ali (21) und Mohammed (27), sowie mit seiner Schwester Sara (29) zusammen. Sara ist bereits verheiratet und belegt die Wohnung im ersten Stock mit ihrem Mann und ihren beiden Kindern Fatima (13) und Amir Pascha (3). Die Rollenverteilung ist hier klar definiert. Die Frauen kümmern sich um den Haushalt, die Männer sitzen irgendwo im Haus halt. Maren darf ihr Kopftuch hier zum ersten Mal auch in der Wohnung nicht abnehmen. Einzig in unserem Zimmer, wenn die Tür geschlossen ist (zumindest macht sie das #norisknorisk).

Amir Pascha, der seinem zweiten Vornamen alle Ehre macht.

Da Ardabil die (selbsternannte) Hauptstadt der Weber und Teppichknüpfer ist, fertigt auch Benyamins Mutter regelmäßig Teppiche in einem Hinterzimmer an. Für einen klassischen 3×4 Meter Perser benötigt sie knapp vier Monate. Zwischendurch werden wir von ihr und ihrer Tochter mit Essen überhäuft. Es gibt eine Mahlzeit nach der anderen, die allesamt sehr gut schmecken, was an den türkischen Wurzeln der Mutter liegen muss. Zum Glück sitzen wir beim Essen allerdings klassisch auf dem Boden und können uns deshalb nach jeder Mahlzeit direkt hinlegen.

Besonders angetan sind die Frauen im Haus von Maren. So bekommt sie Ohrringe, Parfüm und Armband geschenkt, es werden ihr die Haare gekämmt und immer wieder knufft Benyamins Mutter sie ganz verzückt. Insgesamt spricht einzig Benyamin ein wenig Englisch in der Familie, was dafür sorgt, dass wir stundenlang zusammen sitzen, um mit unseren kleinen Farsi-Kenntnissen unterstützt durch Hände, Füße und Handyfotos die Neugier der Familie stillen. Wir wissen zwar nicht, was sie am Ende für sich hinein interpretieren haben, aber ein Nicken in der gesamten Runde reicht uns.

Am iranischen Wochenende, dem Freitag, führt Benyamin uns durch die Stadt. Es geht zur Moschee, an und um einen See und natürlich zum Kebab essen. Abends stößt sein Freund Hammed noch zu uns, der mit einem großen Wissen über den deutschen Fußball glänzt und uns allerlei Plakate und Schriften in der Stadt übersetzt. Das schönste hierbei ist ein Plakat vom iranischen Oberhaupt, das sagt: „Um Frieden statt Krieg zu erreichen, müssen die Diktatoren dieser Welt getötet werden.“ So viel Selbstironie muss man sich erst einmal trauen.

Das iranische Pendant zu McDonalds heißt Maneli. Cleverer Schachzug: Nach dem Essen bekommt man starke Bauchschmerzen, was den Hass auf Amerika noch vergrößert.

Am Samstag reisen wir schließlich weiter nach Rascht. Unterwegs fahren wir an der Grenze zu Aserbaidschan entlang und sind beeindruckt vom Grün in den Bergen und den Reisfeldern am Kaspischen Meer. Der Bus hat erneut Probleme und muss im 20-Minutentakt halten, es wird ein wenig geschraubt und gehämmert und dann geht es für einige Zeit weiter, bevor das Ganze von vorne beginnt. Insgesamt fast 6 Stunden, statt der angesagten drei. Aber der Ausblick entschädigt und Zeitdruck kenne ich seit der ersten Vorlesung im ersten Semester ohnehin nicht mehr.

In Rascht gibt es direkt nach dem Aussteigen die erste Begrüßung eines älteren Herrn und so langsam vermuten wir, dass diese Menschen vom Staat engagiert sind. Es wird bereits dunkel und Regen zieht auf. Aufgrund unserer guten Erfahrungen mit Zelten bei Regen laufen wir in den Stadtpark, da wir von einem Zeltplatz in diesem gehört haben. Sidekick #1: Unterwegs erleben wir auf den Straßen die Rascht-Hour.

Im Park angekommen, fühlen wir uns erneut wie Marianne und Michael beim örtlichen Bingo-Abend. Euphorisch werden wir von den vielen jungen Leuten begrüßt. Wir müssen winken, Hände schütteln und immer wieder gibt es warme Worte, wie: „Welcome to Rascht“ oder „I love you“. Wir beantworten freundlich alle Fragen und werden schließlich zum Regenbogen-Campingplatz gebracht. Dort werden wir von Weitem mit lautstarker iranischer Musik begrüßt, über welche wir uns freuen und noch nicht ahnen, dass wir bereits 12 Stunden später sämtliche Tracks des sieben-Lieder-Mixtapes ausnahmslos mitsingen können.

Zelt im Regenbogencamp im Mellat Park.

Ein Kuriosum erleben wir beim Zeltaufbau. Da der Angestellte kein Englisch spricht und unser Farsi nur ausreicht, um uns zu beschreiben oder eine Aubergine unter dem Auge anzudrohen, kommt ein junger Teeverkäufer dazu. Frei heraus erzählt er nach nur fünf Minuten, dass er Transgender sei und deshalb gerne aus dem Iran heraus möchte. Wir sind positiv überrascht über so viel Ehrlichkeit und erleben in den folgenden Tagen noch mehr dieser Offenheit und Toleranz in Rascht. Sidekick #2: Erst einmal ging es aber Rascht ins Bett.

Am nächsten morgen möchten wir ein wenig entspannen, da es in den ersten Tagen bereits unglaublich viele Eindrücke zu verarbeiten gibt. Doch da haben wir unsere Rechnung ohne die Gastfreundschaft der Iraner gemacht. Nach dem üblichen Smalltalk mit vielen Menschen auf der Straße,

Gesprächsbeispiel:
Iraner: „Salam, where are you from?“
Wir: „Salam, Alman“
Iraner: „I love Germany! Whaaat city?“
Wir: „Oldenburg. You probably don’t know it. It’s near Hamburg.“
Iraner: „Ah. Hamburg. Great. Mehdi Mahdavikia!“
Wir: „Jeah. Vahid Hashemian!“
Iraner: „Hoho. Ali Daei!“
Wir: „Hehe. Traktor Trabzon.“ (Unsere iranische Lieblingsmannschaft, benannt nach dem nationalen Traktorhersteller, mit dem kreativen Markennamen Traktor)
Iraner: „Hihi. Nice journey. Welcome to Iran.“

spricht uns Kasim an. Er spricht sehr gutes Englisch und lädt uns zum Basarrundgang ein.

Anschließend geht es zum Mittagessen, bei dem es ein weiteres Mal das allseits beliebte Kebab gibt. Zahlen dürfen wir auch nach mehrmaligem Fragen nicht (drei Mal nachfragen, um ein „Taruf“ zu vermeiden). Beim Mittagessen werden wir dann über unser weiteres Tagesprogramm informiert. So holt uns keine 30 Minuten später Kasims Freundin Roab mit dem Auto ab und wir fahren gemeinsam in Richtung Masuleh. Sidekick #3: Was für eine ÜberRaschtung.

Die Skyline von Masuleh

Masuleh ist ein Dorf, welches außerhalb von Rascht an einem Berghang liegt. Das besondere an Masuleh ist, dass aufgrund der Platzknappheit am Hang die Dächer der Häuser optimal genutzt werden. Als Spielwiese, Vorgarten, Terrasse oder Straße. So wandern wir mit Roab und Kasim durch die Gegend, trinken Tee und besuchen einen Wasserfall, bevor es zurück nach Rascht geht. Unser Zeitplan ist eng gestrickt, denn in Rascht zurück sind wir bereits mit Babak verabredet, den wir über Couchsurfing kontaktiert haben. Sidekick #4: We have to Rasht.

Wir verabschieden uns von Kasim und Roab und fahren mit Babak zu seinem Haus. In diesem lebt er gemeinsam mit seiner Frau Marzi und seinem Sohn Bardia. Nach den vielen eher negativen Vorurteilen, die wir bisher über uns Deutsche gehört haben („Kalt“, „Strikt“, „Hart“), erkennen wir bei Babak, dass die Theorie, dass man mit seinen Vorurteilen konfrontiert werden muss um diese abzubauen, häufiger zuzutreffen scheint. Babak war bereits zweimal in Deutschland und ist komplett begeistert über die Gastfreundschaft und Offenheit unserer Mitbürger.

Wir mit Babak, seiner Frau Marzia und Sohn Bardia.

Wir verbringen einen schönen Abend, können duschen, erweitern unsere Farsi-Sprachkenntnisse, lernen einiges über die Probleme eines Iraners bei der Beschaffung eines Visums und schlafen irgendwann während der ersten Halbzeit des El Classicos ein. Am nächsten Morgen müssen wir bereits früh aufbrechen, da die gesamte Familie den Tag mit Arbeit und Schule verbringen wird und wir uns von diesem Lebensstil im Hamsterrad ja bekannter Weise distanzieren.

Da wir immer noch sehr müde sind, laufen wir zurück ins Regenbogen-Camp, wo wir bereits mit offenen Armen empfangen werden. Wir bauen unser Zelt auf und schlafen, das unveränderte Mixtape mitmurmelnd, ein. Am frühen Nachmittag nehmen wir uns dann vor, heute ein paar ToDos abzuarbeiten und alle Angebote auszuschlagen, um einen ruhigen Tag in der (wirklich schönen) Stadt zu verbringen. Doch erneut erweist sich dieses Vorhaben als ein klarer Fall von Denkste. Sidekick #5: Es wird ein weiterer Raschtloser Tag.

Nach kurzer Zeit spricht uns ein etwas älterer Herr an, der uns erzählt, ein Englischlehrer zu sein. Als Maren erwidert, dass sie ebenfalls Englischlehrerin sei, ist es um ihn geschehen. Nachdem er sämtliche If-Sätze aufgesagt und den Unterschied zwischen Britischem und Amerikanischem Englisch erklärt hat, gehen wir gemeinsam mit ihm und seinem Freund ins naheliegende Teehaus.

Umgeben von vielen älteren interessierten Herren ist Englischlehrer Saeed komplett von Maren eingenommen. Eine schöne Abwechslung für Maren, da sich die Männer normalerweise auf mich konzentrieren (#nohomo) und kaum Blickkontakt mit ihr suchen. Ich versuche währenddessen die restlichen Besucher des Teehauses mit meinen enormen Farsikenntnissen zu begeistern und stehe für Selfies zur Verfügung.

Ein klassisches iranisches Teehaus, welches meist vorwiegend von älteren Herren besucht wird.

Nach dem Tee ist natürlich noch lange nicht Schluss. Saeed hat am Abend noch Unterricht im Sprachinstitut und lädt uns ein, mitzukommen. In seiner Begleitung darf Maren im Linienbus sogar mit im vorderen Männerbereich sitzen. Unterwegs präsentiert er stolz seine unterschiedlichen Sprachkenntnisse, erzählt von seiner chinesischen Freundin und dass er jeden Abend seinen Lieblingsschnaps mit dem Namen Booze trinkt.

Am Sprachinstitut angekommen ruft Saeed unterschiedliche Leute an, mit denen Maren auf Englisch telefonieren muss. Zusätzlich singt er uns ein Lied von Chris de Burgh, spielt am Instituts-PC die Tischtennishighlights der letzten vier Olympiaden ab und zeigt uns Ausschnitte aus seinen englischen Lieblingsfilmen, wobei er nicht vergisst uns zu spoilern. Zwischendurch holt er immer wieder sein 1×1 Meter English-Dictonary aus dem Regal und fragt uns nach der Bedeutung von Wörtern wie „cinch“ oder „insects“, um Maren anschließend zu sagen, dass sie ihr Vokabular erweitern muss.

Irgendwann werden wir in eine Klasse für die jüngeren Schüler geführt. Hier werden wir vorgestellt und zu Gruppenfotos zusammengestellt, bevor es in eine Sprachklasse für Erwachsene geht. In dieser dürfen wir bleiben und werden, nach einer spannenden Diskussion über Freundschaft, von jedem Teilnehmer des Kurses persönlich eingeladen, doch beim ihm zu schlafen und den morgigen Feiertag zu verbringen. Nachdem wir fleißig Nummern ausgetauscht haben, gehen wir gemeinsam mit Mitra und Laila etwas essen.

Englischlehrerin als Mittelpunkt des Interesses

Die beiden jungen Studentinnen erweisen sich als sehr offen und erzählen von ihrem Hass auf das Kopftuch und ihren Zukunftsplänen. Laila hat dabei spannende Geschichten parat. So wurde sie vor ein paar Jahren, als sie mit zu engen Klamotten auf der Straße unterwegs war, von Männern in einen Bulli gezerrt und zur Polizeiwache gebracht, wo ihre Eltern sie abholen mussten. Ein anderes Mal musste sie mit ihrem Freund vor der Polizei wegrennen, da diese sie zwangsverheiratet hätten, wenn sie sie zusammen erwischt hätten. Wir sind schockiert, doch die beiden erzählen diese Geschichten lachend. Was bleibt ihnen auch anderes übrig.

Nach dem Essen ruft bereits Pujan, der Englischlehrer des Kurses, an und lädt zum Tee ein. Wir nehmen natürlich an, da die Mädchen ihn nicht unattraktiv finden und sitzen wenig später in seiner Wohnung, welche er sich mit seiner Schwester teilt. Wir haben eine gute Zeit zusammen, die schließlich damit endet, dass Pujan seine Gitarre herausholt und wir alle gemeinsam „My heart will go on“ von Céline Dion singen.

Da es draussen mittlerweile durchgehend regnet, schafft Mitra es, uns zu überreden, unser Zelt wieder abzubauen und mit ihr bei ihrem Cousin Shayan zu übernachten. So verabschieden wir uns und fahren mit Mitras Cousin und seinem Auto quer durch die Nacht und Stadt, bauen unser Zelt im Regenbogen-Camp ab, treffen Freunde von den beiden im Park, geben dem Zeltplatzbesitzer zum Abschied ein weiteres Interview, da das vom Vortag nichts geworden zu sein scheint, genießen einen letzten Song des Mixtapes und liegen irgendwann spät nachts auf dem Perserteppich in Shayans Wohnung, wo wir schließlich einschlafen.

Reno, Shayan und Mitra

Der nächste Tag ist dann komplett verplant. Es ist Feiertag im Iran (der Tag an dem Mohammed zum Auserwählten wurde #thechosenone) und deswegen geht es an den größten See der Welt: Das Kaspische Meer. Gemeinsam mit Freunden von Shayan und Mitra fahren wir nach Anzali, wo es natürlich gegrillten Kebab gibt. Schwimmen dürfen wir nicht, da der Strand noch nicht aufgeteilt wurde in eine männliche und weibliche Zone. Ich bin erleichtert, da ich ungern unter den lüsternen Blicken der Damen ins Wasser gegangen wäre. Sidekick #6: Es Raschtelt im Karton

Tag am Meer

Nach dem Barbecue und ein wenig Gitarrenmusik gibt es weitere Orte, an die wir gebracht werden. Unterwegs wächst die Gruppe immer weiter, da weitere Personen hinzustoßen, die uns die Tage vorher bereits getroffen oder von uns gehört haben. Wir fühlen uns wie Celebrities. Unterwegs haben wir wirklich gute Gespräche und man merkt den jungen Erwachsenen an, wie unzufrieden sie mit den vielen Regeln in ihrem Land sind.

Guck mal da oben…

Am Abend landen wir schließlich in der Wohnung von Niggeli und ihren Eltern. Nach ein wenig Tee und Musik muss der Großteil nach Hause. Als Niggelis Vater von der Arbeit nach Hause kommt, ist er so voller Freude, als er seine deutschen Besucher sieht, dass er direkt anfängt, für uns ein Solo zu singen. Besonders angetan ist er von unseren Farsi-Kenntnissen, die wir stark verbessern konnten in diesen Tagen.

Wir werden als Mittelpunkt des Geschehens weiter von allen Seiten betüddelt und versorgt. Dabei sehe ich Maren an, dass es ihr nicht immer gefällt. Ich dagegen habe im Gegensatz zu ihr gelernt, mich verwöhnen zu lassen. Danke Mutti. Irgendwann spät nachts fahren wir dann zurück nach Rascht. Unterwegs gibt es nochmal einen Fahrerwechsel, damit Mitra nochmal bei leichtem Verkehr für ihren Führerschein üben kann. Die umherfahrende Polizei beunruhigt dabei scheinbar nur Maren und mich.

Fakten (ohne Gewähr):

  • das persische Wort Tshador bedeutet übersetzt Zelt. Bezeichnet wird damit das Zelt zum Schlafen, aber auch der schwarze Ganzkörperschleier der Frau
  • Couchsurfing wurde vor ein paar Wochen wieder gesperrt. Zum Glück gibt es eine Telegramgruppe, die das Suchen von Unterkünften organisiert
  • wir leben im Jahr 1396. Irgendwie passt das
  • den Iranern ist es wichtig zu betonen, dass ihr Land sehr sicher ist im Gegensatz zu den umliegenden Ländern
  • meine Durchfallquote nähert sich zeitweise dem Wert meiner Diagnostikklausur im 4. Semester
  • jede Region hat neben Farsi ihre eigene Sprache und gerne wird die Identität der Region über die des Landes gestellt
  • bei den Menschen zu Hause war es bisher jedes Mal komplett anders. Von allein lebend, über verrückt sein und die Familie verlassen wollend, streng religiös, bis hin zu komplett unreligiös, offen und tolerant war alles dabei
  • Fußball ist auch hier immer ein Gesprächsthema. Die Deutsche Bundesliga genießt hohes Ansehen und läuft frei empfangbar. Der persische Kommentar hängt Bela Réthy dabei in nichts nach
  • in weniger als einem Monat ist die Wahl des Präsidenten. Unter anderem hatte sich ein fünfjähriges Kind beworben, kam aber nicht in die Endauswahl
  • auf einer iranischen Hochzeit wird die Braut dreimal gefragt, ob sie den Mann heiraten möchte #sicheristsicher
  • Modern Talking genießt Kultstatus im Iran
  • in öffentlichen Bussen und Bahnen sitzen die Frauen im hinteren Abteil, können aber auch mit ins vordere Abteil

Mittlerweile haben wir uns schweren Herzens aus Rascht verabschiedet und sind in Richtung Damavand (nähe Teheran) gezogen um ein wenig den Großstädten zu entkommen.