Nachdem wir zum Abschluss in Rascht noch an einem sozialen Projekt teilnehmen, welches zweimal pro Woche Kleidung und Essen an Obdachlose in der Stadt verteilt, wollen wir weiter ziehen. Da in weniger als einer Woche Janne anreist, welche uns die letzten zehn Tage im Iran besuchen kommt, suchen wir einen Ort, der nicht zu weit entfernt von Tehran liegt. Wir entscheiden uns für Ghom, was aber großes Unverständnis bei sämtlichen Personen hervorruft, denen wir davon erzählen. Scheinbar würden die Mullahs vor Ort Maren dazu drängen, eine Zeitehe mit ihnen einzugehen.

In der Couchsurfing-Ersatzgruppe senden wir trotzdem eine Suchanfrage für eine Unterkunft in Ghom, auf welche sich allerdings niemand meldet, der uns dort aufnehmen könnte. Stattdessen erhalten wir knapp zwanzig Einladungen in andere Städte des gesamten Irans. Flexibel wie Sigmar Gabriel in seiner Meinung, gehen wir die Einladungen durch und entscheiden uns dafür, Mahdi aus Damavand zuzusagen.

Damavand ist eine kleine Stadt, die eine Stunde von Tehran entfernt, in den Bergen liegt. Benannt ist sie nach dem in Sichtweite liegenden höchsten Berg/Vulkan des Irans, dem Mount Damavand. Nachdem uns auch hier nach der Ankunft direkt die ersten Leute per Handschlag begrüßen, erscheint unser Blind Date Mahdi. Wir sind überrascht, da Mahdi gar nicht wie der typische Iraner aussieht, sondern eher einem Schotten aus den Highlands gleicht. Dies liegt daran, wie er uns erzählt, dass seine Großmutter Russin war. Scheinbar kommt sein eher europäisches Aussehen sehr gut an bei den Frauen, wie sein Freund Ali uns erzählt.

Teppichposen mit Mahdi (Spitzname: Lion) und Ali

Da Mahdis Freunde Sadak und Ali sturmfrei haben, fahren wir zu ihnen. Ihre Mutter und Sadaks Frau, die mit den beiden Brüdern zusammen wohnen, sind unterwegs und kommen erst in ein paar Tagen zurück. Deshalb gibt es direkt eine kleine Hausparty mit Kebab, Musik, Tanz und Wasserpfeife. Die Zutaten für die Wasserpfeife bringt Kumpel Arash mit, der in einer Apotheke arbeitet und das Rezept lieber geheim hält. Ist auch egal. Unser Vertrauen wird belohnt. Es wirkt.

Wasserpfeife mit der Gang. Ali hebt ab.

Mahdi selbst spricht ganz gut Englisch, seine Freunde dagegen kaum. Das hält sie allerdings nicht davon ab, durchgehend mit uns kommunizieren zu wollen. Mit Händen und Füßen versuchen sie Dinge zu erklären, oder lassen Mahdi übersetzen, der kaum nachkommt. Währenddessen gibt es zig Gänge Essen und zwischendurch immer wieder iranische Spezialitäten von Sadak, die wir probieren müssen. So haben wir einen feuchtfröhlichen Abend und das sogar ganz ohne Alkohol.

Den nächsten Tag geht es mit unserer neuen Gang in die Berge. Den ursprüngliche Plan, zum Mt. Damavand zu fahren, müssen wir aufgrund einer Straßensperre streichen, weshalb wir woanders ins Grüne fahren. So wandern wir durch die Landschaft, halten immer wieder kurz, um unser Chi durch Yoga-Gesänge aufzuladen und klettern schließlich in Richtung Wasserfall. Auf dem Rückweg gibt es selbstverständlich erneut Kebab, bevor wir zu Hause bei Sadak und Ali bis spät in die Nacht die sechs Präsidentschaftskandidaten im TV-Duell bewerten. Fazit: Keiner will wählen gehen, da nur Cholera und Pest zur Auswahl stehen. Es scheint doch Parallelen zum Westen zu geben.

v.l.n.r.: Arash, Ali, Mahdi, Reno und Sadak

Für den nächsten Tag hat sich Sadaks und Alis Mutter angekündigt, weshalb wir ausziehen müssen. Da Mahdis Eltern das Haus mit Familienbesuch gefüllt haben, haben uns die Jungs die Ferienvilla eines Freundes organisiert. Da wir das Leben am Kopf der Nahrungskette aus Deutschland ja nur allzu gut kennen, sind wir nicht abgeneigt und fahren gemeinsam mit Mahdi und Mohamed ins Grüne zum Anwesen.

Mohamed ist ein weiterer Freund der Gang, den alle nur Terrorist nennen, da er die letzten zwei Jahre im Jemen, in Syrien und im Irak war, um mit der iranischen Armee gegen den Islamischen Staat zu kämpfen. Er zeigt uns Bilder von seinen Einsätzen und erzählt von seinen amerikanischen Freunden, mit denen er im Irak Seite an Seite kämpft, die aber in den anderen Ländern kurioserweise seine Feinde sind. Zum krönenden Abschluss präsentiert er uns schließlich seine riesige Narbe an der Schulter. Im Irak hat er sich dort in einem Fahrzeug sitzend eine Kugel eingefangen, die nicht weit vom Herzen entfernt eingeschlagen ist.

Das Abendessen machen die Gastgeber Mohamed und Mahdi. Maren darf nur zuschauen.

Zu viert haben wir eine gute Zeit in der Villa. Tagsüber geht es zu Ausflügen mit Mohameds iranischem Lamborghini (Pride) und abends kommt die Gang vorbei zum Kebab essen und Musik machen. Am vorletzten Tag sind wir dann schließlich mit Mohamed zu einer Party eingeladen. Einer seiner Freunde ist seit zwei Jahren clean, wie uns erzählt wird und wie könnte man das besser würdigen als mit einer ordentlichen Sause. So geht es am frühen Nachmittag in das andere Ende der Stadt, wo die Feier bereits in vollem Gange ist.

Wir werden begeistert empfangen und direkt mit Kebab und Reis überschüttet. Nach dem Essen wird dann der Teppich vom Tisch zum Dancefloor. Auf diesem lernen wir dann zu amerikanischen Popsongs, den Gypsy Kings oder traditioneller iranischer Musik die neusten Tanzmoves. Der geforderte verstärkte Po-Einsatz stellt für mich als ehemalige lockerste Hüfte Oldenburgs natürlich keine Herausforderung dar. Da wir gehört haben, dass die Polizei mittlerweile keine Partys mehr stürmt, sondern nur noch Schwarzgeld an der Tür entgegen nimmt, sind wir relativ entspannt.

Nach der Tanzsession erhält „Geburtstagskind“ Mohamed (vier von fünf Männern auf der Party heißen Mohamed) seine Geschenke. Neben den Klassikern Rasierschaum und Parfüm taucht aus dem größten und letzten Paket schließlich ein Gewehr, Kaliber 5.5mm auf. Begeistert will Mohamed direkt laden und abfeuern, kann dann aber doch noch von seiner Frau gestoppt werden. Anschließend wird noch ein wenig zusammen gesessen, Tee getrunken, Wasserpfeife geraucht und Backgammon gespielt. Wir bekommen noch Whiskey und andere Alkoholika angeboten, lehnen aber aus Rücksicht auf die zwei anwesenden trockenen Alkoholiker ab.

Maren im Deutsch-Iranischen-Duell gegen Mohamed unter den kritischen Blicken von Mohammed, Muhammed und Mohamad

Am frühen Abend endet die Party schließlich und wir sitzen ein letztes Mal Abends mit der Gang bei Kebab und Musik in der Villa zusammen. Dabei gibt es seit langer Zeit neben Maren zwei weitere weibliche Personen. Diese werden allerdings von den Männern nicht weiter beachtet, da sie, wie uns später erzählt wird, wie so viele iranische Frauen zu viel Schminke tragen. Den Komplimenten an Maren, die eine klassische Schönheit sei, begegne ich direkt mit der klassischen persischen Drohung: „Möchtest du, dass ich dir eine Aubergine unters Auge pflanze?“.

Abschiedskebab in der Damavand-Villa

Montags morgens müssen wir dann die Villa verlassen. Mohamed fährt uns deshalb mit seinem iranischen Lamborghini in die Innenstadt und schafft es, dabei innerhalb von 20 Minuten zwei Unfälle zu bauen. Beim Ersten werden wir im Überholvorgang von einem weiteren ausscherenden Fahrzeug am rechten Hinterrad getroffen. Mohamed quittiert dies, nachdem er den Wagen wieder unter Kontrolle hat, mit einem lauten Lachen und beschleunigt weiter. Kurze Zeit später fährt er, erneut im Überholvorgang, in ein riesengroßes Schlagloch. Daraufhin gibt der vordere linke Radkasten so laute Geräusche von sich, dass nicht einmal seine kofferraumausfüllende Anlage dies mehr übertünchen kann und er direkt zur Werkstatt fahren muss.

In Alis Buch- und Schreibwarenladen zum Tschüss-sagen angekommen, wird uns jeder Artikel einzeln vorgestellt und mit einem „Made in Germany“ oder „no good“ erklärt. Unter anderem taucht die persische Übersetzung von „Mein Kampf“ auf, die natürlich ein „Made in Germany“ erhält und als lesenswert angepriesen wird. Am Ende dürfen wir alles kostenlos mitnehmen, was wir möchten, was wir allerdings ablehnen, da unsere Rucksäcke kaum noch etwas fassen. Doch so einfach geben die Jungs nicht nach und überschütten uns schließlich mit Geschenken, bevor sie uns ein Taxi nach Tehran organisieren und natürlich auch dieses komplett bezahlen.

In Tehran nimmt uns Fatima bei sich auf. Wir haben kurz zuvor eine Anfrage auf Couchsurfing geschaltet, woraufhin sich mehr als zehn Personen melden und uns einen Platz zum Übernachten anbieten. Da Fatima die einzig weibliche Person ist, die uns schreibt, ist die Wahl schnell getroffen. Fatima wohnt zu Hause mit ihrer Mutter und ihrer Schwester auf eher engem Raum, aber das stärkt unsere Gemeinschaft nur.

v.r.n.l.: Fatimas Mutti, Fatima, Schwester Ellahe, Reno, Janne, Maren

Obwohl uns Tehran von vielen Iranern sehr madig gemacht wurde, finden wir es nun wirklich schön. Überall befinden sich Parks und die Straßenseiten sind gefüllt mit Bäumen. Das die Straßen natürlich etwas voll sind mit über 3,5 Millionen Autos in der Stadt, lässt sich nicht leugnen, tut unserer Begeisterung aber keinen Abbruch. Ganz im Gegenteil. Auf den vollen Straßen schafft es Fatima immer wieder, uns mit dem Auto ihrer Mutter bei großartigen Überholmanövern oder dem Einparken in kleinste Lücken zu faszinieren.

Die (grüne) Skyline von Tehran

Von Dienstag auf Mittwoch nacht kommt dann schließlich Janne am Flughafen außerhalb Tehrans an. Nach einer eigentlich unterhaltsamen Taxifahrt verdoppelt sich der vereinbarte Preis des Taxis bei der Ankunft, da dem Taxifahrer einfällt, dass er ja auch noch alleine zurück muss. Doch mit dem von Fatima beigebrachten Handwerkszeug bleibe ich stur und überzeuge im besten Farsi, Iraner zu sein und die Preise zu kennen, bis der Taxifahrer resigniert in sein Auto steigt und wegfährt.

Nach einem weiteren unterhaltsamen Tag mit Fatima und ihrer Familie, an dem wir erneut voller Stolz merken, wie taff sich diese junge Frau nicht nur auf der Straße, sondern auf sämtlichen Ebenen in dieser von Männern dominierten Welt durchsetzt, müssen wir uns leider in Richtung Süden verabschieden. Da wir bisher kaum dazu gekommen sind, Geld auszugeben, gönnen wir uns den VIP Bus nach Esfahan, wo Pari uns bereits erwartet.

Mit den Girls beim Gute-Nacht-Kebab

Pari wohnt mit ihrer Mutter und ihrem Bruder zusammen in einem Appartement, welches wieder einmal unendliche Weiten aufweist. Im Wohnzimmer ließe sich problemlos ein Vierzigtonner wenden. Pari selbst ist eine junge selbstbewusste Frau, die uns herzlich aufnimmt und am iranischen Sonntag (Freitags), den Großteil ihrer Familie zu Besuch hat. Unter diese mischen wir uns gekonnt und fallen erst auf, als sich nach dem Farsi-Smalltalk bemerkbar macht, dass ich auf Fragen des Onkels abwechselnd mit „Ja“ und „Ok“ antworte.

Pari (2.v.l.) und ihre Familie beim Freitagslunch

Da ich erneut großes Mitleid ernte, da ich beim Sitzen im Schneidersitz sehr ungelenkig wirke, schiebe ich dieses gekonnt auf die Spätfolgen meines letzten Wachstumsschubs vor 14 Jahren. Nach dem Essen und ein wenig Smalltalk gehen wir dann mit Pari in die Stadt. Diese hat für uns ein strammes Sightseeing-Programm vorbereitet, bei dem wir die schönsten Plätze von Esfahan gezeigt und erklärt bekommen. Irgendwann stößt ihr Freund Eshan dazu, der uns mit seinem stark lädierten Peugeot noch zur schönsten Brücke der Stadt und zum Essen fährt.

Im Teehaus

Dinner-on-Carpet-Time unter der Si-o-Se-Pol Bridge (33 Bögen Brücke)

Am nächsten Tag muss Pari leider arbeiten, stellt uns aber eine Liste von weiteren Sehenswürdigkeiten zusammen, die wir pflichtbewusst abzuarbeiten versuchen, allerdings an den teils kuriosen Öffnungszeiten scheitern.

Der Naqsch-e Dschahan Square (Abbild der Welt Platz)

Wooh-Girl aus dem Dachfenster eines Riesenbaumes

Selfie im Paradies

Am letzten Tag fahren wir dann gemeinsam mit Pari in die angrenzende Wüste, um einen weiteren Punkt unserer To-Do-Liste abhaken zu können. Mit einem Taxi geht es knapp drei Stunden aus Esfehan raus ins Nirdgendwo, bis wir schließlich in einem Wüstenerlebnispark landen. Nach einer rasanten Offroadfahrt über die Dünen dürfen wir aussteigen und uns vergnügen, bevor es zurück geht ins Camp. Dort fängt es unfassbar stark an zu Gewittern, was für ein krasses Panorama sorgt. Die Übernachtung unterm Sternenhimmel können wir uns allerdings abschminken.

Maren auf der Düne vor dem Sturm

Auf der Rückfahrt geraten wir in das Auge des Sturmes, lassen uns jedoch vom Gesang unseres Fahrers beruhigen. Zurück in Esfahan geht es direkt zu Paris Klettertrainer, der bei seinen Eltern wohnt, allerdings eine geheime Party-Zweit-Wohnung besitzt. Dort sitzen wir mit ihm und seinem Kumpel zusammen, essen Kebab (was auch sonst?), rauchen Wasserpfeife und trinken selbstgebrannten hochprozentigen Schnaps. Die Tanzfläche wird schließlich auch eröffnet, jedoch erinnert das Ganze eher an Silent-Disco. Ohne Kopfhörer. Spaß haben wir trotzdem eine ganze Menge. Spät nachts geht es dann natürlich noch zu einem Park und zu einer Brücke, die wir beim Sightseeing nicht geschafft haben. Früh morgens landen wir im Bett und nach nur wenigen Stunden Schlaf fahren wir weiter in den Süden, in Richtung Shiras.