Warum ich hier etwas schreibe: Weil ich die Tortour in den letzten Wochen auf diesem Blog verfolgt habe und dabei immer das Gefühl hatte, nicht alles zu erfahren, dass da noch mehr sein muss, dass mir etwas von dieser Reise vorenthalten wird. Weil es einfach nicht möglich ist, über alles zu schreiben. Also bin ich hingeflogen, in den Iran zu Maren und Reno.

Jetzt würde ich gerne über die Beiden schreiben, das, was sie über sich selbst nicht sagen können. Wahrscheinlich wird es aber wie immer sein, dass alles offen bleibt und ungenau und ungesagt. Aber ich werde mein Bestes geben.

In diesem Moment sitzen die beiden mir gegenüber auf einem Sofa. Maren spielt auf ihrem Handy den Akku runter, das Einzige mit iranischer Simkarte. Reno putzt sich die Zähne. Dabei diskutieren sie über die warmen Quellen, zu denen wir heute Abend wollen. Ob Maren nun nur mit Bikini baden kann und dass sie sich dann selbst nackt fühlt, weil sie seit vier Wochen nur mit langer Hose, Ärmeln und Kopftuch unterwegs ist.

In Marens Augen die größte Ungerechtigkeit. Immer wieder sehen wir Männer mit enger Hose und T-Shirt auf der Straße, zur Musik die Hüften schwingend. Wir tragen – wie alle Frauen – bei der größten Hitze in Shiraz Hijab und Mantel. Für wen? Kaum kommen wir in private Räume, legen unsere Gastgeberinnen Fatima und Pari ihre Tücher ab. Hier stört sich daran niemand. Wenn es nach ihnen und eigentlich allen anderen Iranern und Iranerinnen ginge, mit denen wir sprechen, ist diese aufgezwungene Kleiderordnung der größte Unsinn („I don’t like“). Die Kopftücher liegen oft zwar nur locker und weit hinten am Kopf, aber ohne geht niemand vor die Tür. Auf der Straße scheinen Menschen unterwegs zu sein, denen es etwas ausmacht, wenn eine Frau nicht genügend bedeckt ist. Wer sind diese Menschen? Wir erschrecken uns auf jeden Fall jedes Mal, wenn uns das Kopftuch runter rutscht, auch wenn uns die Iranerinnen sagen, wir sollten uns als Touristinnen keine Sorgen darum machen.

Inzwischen ist das Rührei, das Reno gemacht hat, leer und Maren räumt das Frühstück weg. Wenn man durch das Fenster hinter dem Sofa schaut, blickt man auf die weite Landschaft von Damavand, ein paar blaue Berge im Hintergrund, Sonne, Vögel und so weiter.

Was mich immer wieder zum Staunen bringt: wie gegensätzlich das draußen und drinnen ist. Draußen hat man die schönsten Aussichten, die schönsten Parks. Extra Plätze für die vielen Familien, die am Freitag zum Picknick mit ihren Teekochern auf Decken sitzen, essen und Tee trinken. Die Weiten der Wüste während eines Gewitters, die Enge der Straßen mit Blick in die kleinen Werkstätten, die Ornamente, Reliefs und Wandbilder an jedem Gebäude, die vielen Blumen und Pflanzen. Das Licht an einer alten Brücke, unter deren Bögen am Abend die Menschen sitzen und über eine verlorene Liebe singen. Diese ganzen romantischen Vorstellungen und mystischen Dinge eben, die so ganz anders sind, als ich es gewohnt bin.
Drinnen ist auch alles ganz anders, aber gar nicht mehr mystisch. Das Licht kommt immer von Neonröhren oder seltsamen Kronleuchtern. Die Möbel sind riesig und nehmen den halben Raum ein, obwohl wir dann doch wieder auf dem Boden sitzen, um zu essen. Die Bettwäsche und Kissen und Vorhänge haben die kitschigsten Blumenmuster.


Ich verstehe nicht, wie das zusammen kommt. Aber so langsam bekomme ich das Gefühl, dass es das gar nicht muss. Hier lebt alles von Gegensätzen. Das Essen ist süß und salzig. Das Land trocken und grün. Als wir in Persepolis sind, fragt ein Litaue unsere Führerin, wie das denn sein kann, dass der Ochse sowohl Symbol für Fruchtbarkeit und Winter sei. Wieso denn nicht, der Löwe sei ja auch Symbol für den Sommer, die Stärke des Königs und das Böse, das er bekämpft, antwortet sie ihm selbstverständlich.

In diesem Moment klopft es an der Tür unseres Zimmers, das uns unser Gastgeber Mahdi vermittelt hat. Maren öffnet und begrüßt die Frau, die geklopft hat mit einwandfreiem Farsi. Guten Morgen, wie geht es und so weiter.

In den letzten zehn Tagen habe ich grade mal Danke und die Zahlen von eins bis zehn gelernt. Um so weniger verstehe ich, wie Reno sich problemlos mit Paris Onkel unterhält, oder mit den jungen Polizeibeamten, die Fotos machen wollen oder dem Parkwächter, der uns nach einer Nacht im Zelt weckt und dann auch gleich zum Tee einlädt. „Wo hast du Farsi gelernt?“ fragen sie dann immer. Ich glaube, manchmal tut er auch nur so.

Inzwischen ist Mahdi gekommen. Er war in Teheran bei seiner Arbeit, wo er ein Projekt fertig machen musste. Eine Art Werbefilm für einen der Präsidentschaftskandidaten für die Wahl nächsten Freitag. Es ist eine Wahl zwischen „bad“ und „worse“, sagen die meisten.

Mir ist klar, wir sind hier in einer Blase. Wir treffen die Menschen, die Couchsurfing machen, die neugierig sind und uns auf der Straße ansprechen. Die sich ein anderes Iran wünschen. Auch viele, die sagen, dass sie gar keine Muslime seien. Und vielleicht ist das naiv, aber trotzdem: ich verstehe einfach nicht, wie das sein kann, dass es diesen einen Leader gibt, dieses System gibt, wenn es so viele Menschen gar nicht unterstützen. Wer sind diese Leute, die anderen sagen, wie sie zu leben haben? „The government destroys our talent, our intelligence. When you are always limited, you can’t grow. But don’t underestimate the Iranien intelligence.“, sagt uns ein junger Mann, den wir in Shiraz treffen. Und natürlich leben die jungen Iraner und Iranerinnen ihr Leben, haben „boyfriends“ und „girlfriends“. Sie reisen, soweit das möglich ist und studieren und arbeiten und tanzen und erzählen Witze und lachen schelmisch. Manchmal vergesse ich, in welchem Land ich hier bin. Und dann: das Porträt von Chomeini blickt von jeder Haus- und Plakatwand, aus jedem Bilderrahmen.

Maren und Reno werden am Sonntag weiterfliegen, nach Indien. Dafür müssen sie noch ihr Visum ausdrucken und überlegen, wie ihre Route in Indien sein wird. Während ich das auf dem Laptop schreibe, ist im Fenster dahinter schon die Karte Indiens geöffnet. „Es ist krass, wenn man sich vorbereitet auf ein Land, weiß man nichts darüber.“, sagt Maren. „Aber jetzt, nach der Zeit im Iran habe ich das Gefühl, ich weiß eine Menge über dieses Land.“ Aber wirklich verstanden haben wir eigentlich nichts.

Die Reise der beiden scheint mir wirklich anstrengend. Ein Abenteuer, aber nicht immer spannend. Viele Entscheidungen und viele Diskussionen und Kompromisse. Warum tun sie das? Es ist rätselhaft, so wie der Iran. Nichts ist eindeutig. Alles immer wieder überraschend. Und schön. So sehr schön.

 

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