Vor einiger Zeit erzählte uns jemand von einem Mathematiker, der einmal mit seinem Auto unterwegs war. Als er einen Anhalter am Straßenrand sah, der in seine Richtung wollte, entschied er sich, diesen ein Stück mitzunehmen, obwohl er es niemals zuvor getan hatte. Unglücklicherweise erwies sich der Anhalter als Krimineller und überfiel unterwegs den Mathematiker. Jeder mit gesundem Menschenverstand hätte nach diesem Ereignis nie wieder einen Anhalter von der Straße aufgesammelt. Der Mathematiker allerdings errechnete, wie hoch die Wahrscheinlichkeit lag, ein weiteres Mal von einem Anhalter überfallen zu werden und nahm, nachdem er das Ergebnis sah, jeden mit, den er von da an am Straßenrand erblickte.

Nachdem auf unserer ersten Zugfahrt in Indien von Mumbai nach Jaipur direkt unser Waggon auf den ersten Metern im Dunkeln überfallen wird, sind wir geschockt und uns sicher, keine weitere Nachtfahrt in der offenen Sleeper Class mitzumachen. Doch schließlich erinnern wir uns an die oben beschriebene Geschichte und entscheiden, auch wenn wir keine Matheexperten sind vong Fach Geometrie her, weiter mit dem Zug zu fahren. Hinzu kommt, dass in Indien die sechswöchigen Schulferien begonnen haben und es noch unmöglicher als ohnehin schon ist, an ein Ticket zu gelangen.

So folgt eine weitere 22 Stunden Übernachtfahrt nach Varanasi ohne Zwischenfall, wobei wir schon etwas beunruhigt sind, als der ältere Herr gegenüber vor dem Schlafengehen seine Taschen mit einer drei Meter Stahlkette umwickelt und anschließend mit einem faustgroßen Schloss an seinem Klappbett befestigt. Weitere Geschichten im nächsten Hostel von Überfällen in der Sleeper Class nehmen wir gelassen hin, im festen Glauben an die Mathematik.

Nach knapp zwei Wochen und unfassbar vielen Eindrücken in Indien haben wir genug von diesem Land. Dabei sind es weniger die Menschen oder die Umgebung, sondern am Meisten die Hitze, die uns zu schaffen macht. So gibt es eine letzte Zugfahrt im Low-Class Abteil, gefolgt von einer Busfahrt in Richtung nepalesische Grenze. An der Grenze in Sunauli bekommen wir ein letztes Mal die volle Packung Indien. Der für Inder und Nepalis offene Grenzübergang sorgt für eine derart große Menschenansammlung, dass wie so oft in den letzten zwei Wochen die beliebte Würstchenglasathmosphäre aufkommt: Wer hochspringt, bleibt stecken und kann sich einfach treiben lassen von der Menge.

Nach über vier Monaten sind wir also endlich am Ziel in Nepal. Wir überqueren die Grenze, werden herzlich empfangen und feiern die Ankunft mit dem Nationalgericht Dal Bhat. Zu allem Überfluss gibt es sogar noch einen Nachtbus nach Kathmandu, so dass wir nicht wie gedacht an der Grenze zelten müssen. Der Bus ist voll besetzt und ruckelt und springt die kompletten zwölf Stunden auf von Schlaglöchern übersäten Sandwegen, was ein Schlafen unmöglich macht.

Besonderes Highlight der Fahrt ist ein Jugendlicher, der zusammen mit seinem Freund nach wenigen Metern in den Bus einsteigt und völlig betrunken zu sein scheint. Nachdem er zigmal während der Fahrt durch das Wackeln des Busses vom Sitz rutscht und sich auch von hunderten Ohrfeigen der Sitznachbarn nicht wecken lässt, wird er schließlich in den Gang des Busses gelegt, wo er sich im Sekundentakt den Kopf stößt. Davon unbeeindruckt schläft er die gesamte Fahrt durch und steigt schließlich nach der Ankunft morgens um sechs Uhr aus, als wäre nichts passiert.

Dagegen völlig übermüdet erreichen auch wir im Sonnenaufgang Kathmandu und fahren direkt zum Überraschungsbesuch zu meiner ehemaligen Gastfamilie, den Shresthas. Diese sind nicht komplett unvorbereitet, da sie bereits anhand der Bilder des Blogs erkannt haben, dass wir in Varanasi sind und sich schon auf uns eingestellt haben. Die Freude ist trotzdem riesig groß und selbstverständlich dürfen wir direkt bei ihnen einziehen.

Die nächsten Tage zurück in Kathmandu fühlen sich an, als wäre ich nie weg gewesen. Wir treffen Ashu und Himal wieder, die unsere Ankunft ebenfalls erwartet haben. Gemeinsam wird ein zweites Mal mein Geburtstag gefeiert, erneut mit Kuchen und Shisha wie im Iran. Doch wird dieses hier mit alkoholischen Getränken noch gekrönt. Auch wird es wieder häufiger musikalisch und wir schauen gemeinsam spät nachts das Aufstiegsdrama des SV Meppen gegen Waldhof Mannheim, bei dem auch die Nepalis nicht anders als mitfiebern können.

Außerdem treffen wir andere Freunde aus dem Relief Team des Erdbebens von vor zwei Jahren wieder. Viele spielen immer noch gemeinsam regelmäßig Futsal zusammen und so schließe ich mich diesen an und zeige im geliehenen David Villa Trikot, was der deutsche Vanilla-Thunder noch aufs Parkett bringen kann. Es zeigt sich schnell, dass es nicht mehr geworden ist. Es ist schön zu hören, dass immer noch alle von der Zeit damals schwärmen. Diese war selbstverständlich in erster Hinsicht aufgrund der schlimmen Katastrophe, aber eher aus vielen positiven Gründen für alle unvergesslich.

Zusätzlich haben sich mittlerweile auch zwei Ehepaare durch den damaligen Hilfseinsatz ergeben. Die Hochzeit von Niranjan und Roshy war dabei arrangiert. Allerdings nicht von den Eltern, sondern von mir, wie sie erzählen. Scheinbar hat mein gutes Zureden vor zwei Jahren Roshy dazu gebracht, Niranjans Flirtversuche zu erwidern. Deshalb werden wir zu Roshys Eltern zum Abendessen eingeladen und dürfen dabei durch die unzähligen Fotos blättern, die bei der viertägigen Hochzeit mit rund 1.000 Gästen entstanden sind.

Die Einrichtung, in der ich vor zwei Jahren gearbeitet habe, besuchen wir ebenfalls, stellen allerdings fest, dass der Großteil der Kinder mittlerweile die Schule gewechselt oder die Stadt verlassen hat. Scheinbar wird trotzdem an den altbewährten Methoden festgehalten, denken wir uns, als wir einen Schüler gefesselt auf dem Boden in der Mitte des Raumes liegen sehen. Wo wenig hilft, kann viel nicht schaden.

Ansonsten gibt es diverse Ausflüge mit den von uns so heiß geliebten Nahverkehrsmitteln zu den vielen heiligen Stätten, welche zum Teil bereits komplett restauriert wurden und sich zum anderen Teil gerade im Wiederaufbau befinden. Ohnehin scheint sich Kathmandu gut erholt und weiter entwickelt zu haben, was wohl auch daran liegt, dass es schon sehr lange Zeit kein größeres Beben mehr gab.

Zusammen mit Maren kehre ich am Wochenende schließlich an den Ort zurück, an dem ich das Erdbeben erleben durfte. Raju hat uns zu sich nach Hause eingeladen und nach anfänglichen Vorwürfen seiner Mutter auf Nepali, dass ich nie angerufen hätte, schwelgen wir bei selbstgebranntem Homemade in den schrecklich-schönen Erinnerungen der damaligen Tage.

  • Das müsste fürs erste halten.