Da es uns in Kathmandu langsam zu heiß wird, entscheiden wir uns dafür, endlich einmal die Seite Nepals anzuschauen, die es so beliebt und berühmt macht: Das Himalaya-Gebirge. Auf dem Flachland Ostfrieslands groß geworden und schon außer Atem nach halber Strecke deichaufwärts, besitze ich kaum Anlagen, die fürs Gebirge von Vorteil wären. Maren dagegen, immerhin als Gelbfuß in Baden geboren, kann auf eine jahrelange Vergangenheit im 2. Stock einer Oldenburger WG zurückblicken, dessen Treppen sie bis zu zwei Mal täglich rauf und runter lief.

Somit sind wir nicht wirklich gerüstet für die vielen Höhenmeter, möchten aber trotzdem ein Versprechen einlösen, welches Ashu und ich uns bereits vor langer Zeit gegeben haben: Das Annapurna Base Camp (A.B.C.) zu besteigen. Für Ashu kommt hinzu, dass er sein gesamtes Leben noch keinen Schnee in der Hand hatte (außer kolumbianischen) und hofft, diesen in über 4.000m Höhe finden zu können.

Da erst vorherige Woche zwei Chinesen, die ebenfalls auf dem Weg in Richtung ABC waren, nach mehr als 30 Tagen Suche wiedergefunden wurden, sind wir optimistisch, es ebenfalls zu überleben. Nicht zuletzt, da 50% der Chinesen lebendig geborgen wurden. Das Testament geschrieben und das Gepäck auf zwei Schlüpfer und ein paar Socken reduziert, geht es früh morgens los, um einen Bus in Richtung Nayapul (Neue Brücke) zu bekommen.

Nach einiger Wartezeit im Staub und dem ersten Kilo Straße aus der Nase gepopelt, findet Ashu einen Kleinbus, der uns mitnimmt. Aufgrund der schlechten Straßenbeschaffenheit und des Fahrers, der die aufgedrehte Stimmung mit riskanten Fahrmanövern weiter anheizt, werden direkt Kotztüten verteilt. Eine ältere Dame vor mir macht davon die nächsten neun Stunden intensiv Gebrauch, allerdings ohne ihre gute Laune zu verlieren.

Angekommen in Nayapul laufen wir direkt unsere ersten Trekking-Kilometer zum Annapurna-Circuit-Startpunkt nach Birethanti. Der eher pessimistische Wetterbericht, der keinen Strahl Sonne für die nächsten 10 Tage vorhergesagt hat, behält an diesem Tag Recht. Doch zumindest innerlich auf Sommer eingestellt, stolzieren wir mit Flip-Flops durch den Nieselregen. In Birethanti angekommen, erfahren wir, dass es einer Erlaubnis (PERMIT) für die Trekking-Region benötigt. Da wir diese schon vorab hätten besorgen müssen, wird der Preis natürlich verdoppelt.

Am Fluss in Nayapul

Ashu (rechts) mit Puma (links) im leichten Nieselregen

Die erste Nacht verbringen wir in einem Hotel bzw. einer Unterkunft, die die Aufschrift Hotel besitzt. Wir vermuten allerdings, dass „Hotel“ Nepali für „Unterkunft mit vielen Insekten“ ist. Beschweren möchten wir uns aber nicht, da wir wie auch die folgenden Tage im Schnitt nur einen Euro pro Person/pro Nacht für unsere Unterkunft bezahlen. So schlafen wir gespannt, ein letztes Mal ohne Muskelkater, ein.

Regenpause am Fluss

Regenpause am Fluss

Der erste Tag erweist sich als voller Erfolg. Früh morgens mit ein wenig Regen startend, gibt es ab Mittags puren Sonnenschein. So schaffen wir es auf einer Strecke von 12km ins über 2.000m hoch liegende Ghandruk, wo wir bereits die Schneespitzen des Annapurnas erblicken können. Unser Geheimnis dieser Energieleistung ist unser tägliches Dal Bhat, welches eine enorme Willenskraft in uns freisetzt.

Erster Blick in Ghandruk auf die Snowy Mountains

Erster Blick in Ghandruk auf die Snowy Mountains

Auf den steinigen Wegen hilft ein PS oft mehr als hunderte

Auf den steinigen Wegen hilft ein PS oft mehr als hunderte

Da Off-Season ist und statt der üblichen 1.000 – 1.500 Trekker pro Tag im Moment nur ca. 50 Personen sich auf den Weg in Richtung ABC machen, treffen wir auf den ersten Kilometern kaum andere Trekker, sonder halten höchstens kurze Schwätzchen mit den Einheimischen aus den Dörfern. Der Umstand, dass wir keinen Guide besitzen und uns stattdessen auf eine Karte verlassen, dessen Maßstab so klein ist, dass fast noch Deutschland mit drauf ist, sorgt am zweiten Tag dafür, dass wir statt der geplanten 8km einen Umweg von mehr als 14km nach Chhomrong laufen.

Skeptischer Blick des Pausenhofchefs in 2.000m Höhe

Skeptischer Blick des Pausenhofchefs in 2.000m Höhe

Kurz vor Chhomrong

Kurz vor Chhomrong

Immerhin entschädigt die unglaublich schöne Landschaft und das sonnige Wetter unterwegs für die schweren Beine am Abend. Scheinbar nichts aus der Snowboarderfahrung in Georgien gelernt, verbrenne ich mir den Nacken erneut auf das Übelste, was aufgrund des Rucksacks in den nächsten Tage für grandiose Schmerzen sorgt.

Sonnenaufgang in Chhomrong

Sonnenaufgang in Chhomrong

Die Unterwäsche hat nur wenig Zeit in der Morgensonne zu trocknen

Die Unterwäsche hat nur wenig Zeit in der Morgensonne zu trocknen

Der Machhapuchhare (Fischschwanz), halb rechts, schon ganz nah

Der Machhapuchhare (Fischschwanz), halb rechts, schon ganz nah

Am dritten Tag gibt es erneut perfektes Wetter, statt des angekündigten Regens und wir erleben eine immer schöner werdende Landschaft. So langsam bekommen wir Verständnis für die vielen Pfadfinder und anderen Naturfans, die sich ständig durch die Berge quälen. So schaffen wir erneut viele Höhenmeter und landen am Schluss auf knapp 3.600m Höhe in Deurali, nur noch vier Stunden vom ABC entfernt.

Über den Wolken

Über den Wolken

Der schmelzende Gletscher sorgt für tausende Wasserfälle

Der schmelzende Gletscher sorgt für tausende Wasserfälle

Unterwegs treffen wir immer wieder Kinder, die täglich stundenlang durch die Berge zur Schule oder zurück nach Hause laufen. Hinzu kommen Menschen, die geduckt riesige Stapel Holz, Metall oder Körbe voller Lebensmittel am Kopf befestigt die Berge hochtragen. Wir sind beschämt, da sie uns dabei auch noch Badelatschen tragend überholen.

Rush Hour in Chhomrong

Rush Hour in Chhomrong

Der vierte Tag wird schließlich zur Ankunft für uns. Nach nur vier Stunden steil bergauf, auf 4.100m Höhe, erreichen wir das Annapurna Base Camp bereits am Mittag. Wir stellen voller Bedauern fest, dass es hier oben keinen Schnee gibt. Jedoch tröste ich Ashu damit, dass dieser aufgrund der enormen Kälte ohnehin nicht berührt werden darf, da sonst die Hand amputiert werden muss. Leider sehen wir auch keinen der vielen Gipfel um uns herum, da es stark bewölkt ist.

Kurz vorm A.B.C.

Kurz vorm A.B.C.

So setzen wir uns in das einzige geöffnete Gasthaus, spielen mit den anderen Trekkern Karten und begrüßen jeden weiteren Ankommenden voller Euphorie im ABC. Der Herbergsvater allerdings weiß uns diese Euphorie zu nehmen, in dem er erzählt, dass es die nächsten drei Tage bewölkt bleiben wird. Zum Glück wird er schon am späten Nachmittag eines Besseren belehrt, als es nicht nur aufklart und wir sämtliche Spitzen vom Annapurna 1 (8091m) bis hin zum Machhapuchhre (6.997m) sehen können, sondern zusätzlich ein Regenbogen erscheint und eigentlich nur noch ein Einhorn oder die Delfine aus Griechenland fehlen.

Regenbogen im Annapurna Base Camp

Regenbogen im Annapurna Base Camp

Der Fischschwanz (auch Shy- oder Shivamountain gennant) im Sonnenuntergang

Der Fischschwanz (auch Shy- oder Shivamountain gennant) im Sonnenuntergang

Wir sind komplett begeistert, da wir bereits mehr als erhofft gesehen haben und gehen nach einem unterhaltsamen Abend um 20 Uhr pünktlich ins Bett, um den Sonnenaufgang nicht zu verpassen. Aufgeregt wie ein Flitzebogen wache ich bereits um 1Uhr Nachts wieder auf und schaue im 10 Minuten Takt durch das Fenster. Als um halb 5 endlich der Wecker klingelt, habe ich meine Socken bereits an und zu allem Überfluss an Glück erleben wir wenig später die goldenen Spitzen im Sonnenaufgang.

Die goldene Spitze des Annpurna I im Sonnenaufgang

Die goldene Spitze des Annpurna I im Sonnenaufgang

Die Sonne geht auf

Die Sonne geht auf

Der Annapurna South

Der Annapurna South

Aufgrund des Selfie-Lehrgangs in Indien sind wir bestens vorbereitet auf dieses Panorama und sitzen knapp 4.000 Fotos später beim Frühstück. Zusammen mit Anh-Tien aus Vietnam machen wir uns auf den Rückweg und schaffen es aufgrund der Endorphinüberproduktion ganze 20km abwärts zurück nach Chhomrong, wo bereits unsere neuen Freunde Goyan und Jay auf uns warten. Es gibt eine intensive Sause mit Bier und Homemade, die erst spät nachts um 21.30Uhr endet.

Gruppenfoto am ABC-Spot

Gruppenfoto am ABC-Spot

Nach diesen intensiven Tagen gönnen wir uns am nächsten Tag ein wenig Pause. Wir schlafen aus (7.30Uhr), Frühstücken gemeinsam, hängen herum und laufen schließlich zu den 3km entfernten, heißen Quellen. Bei der enormen Mittagshitze sind es genau die knapp 40°C Beckentemperatur, die wir zur Abkühlung benötigen. Doch zum Glück können wir immer wieder kurz in den angrenzenden 10°C kalten Fluß eindippen. Da Sonntag ist, gönnen wir uns ein paar Stunden Ruhe und gehen anschließend nur nur noch die knapp 800m Bergauf nach Jhinuh, wo wir den Rest des Tages bleiben.

Die ABC-Reisegruppe zurück in Chhomrong: v.l.n.r.: Reno, Goyan (Spanien), Maren (Badenser), Herbergsmama (Nepali), Jay (Süd-Korea), Anh Tien (Vietnam) und Ashu (Nepali)

Die ABC-Reisegruppe zurück in Chhomrong: v.l.n.r.: Reno, Goyan (Spanien), Maren (Badenser), Herbergsmama (Nepali), Jay (Süd-Korea), Anh Tien (Vietnam) und Ashu (Nepali)

Es gibt ein letzte Mal Dal Bhat in den Bergen. Flachwitz der Einheimischen hierzu:
– Dal Bhat Power, 23 hours!
– Warum nur 23 Stunden?
– Weil man eine Stunde auf Toilette benötigt.

Am letzten Tag laufen wir zusammen mit Anh Tien und Jay die letzten Kilometer bis zur Zivilisation und von da aus geht es mit dem Bus nach Pokhara, wo wir die nächsten Tage unsere Wunden lecken.